Wann verlieren wir die Möglichkeit des Tanzens?

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Wann verlieren wir die Möglichkeit des Tanzens?

Was für eine Frage? Elke Wagner kommentiert mit dieser Frage einen Text von Helene Cixous, einer französischen Schriftstellerin, deren Familie aus Osnabrück stammt, und die vor den Nazis nach Frankreich flüchten musste, um ihr Leben zu retten. Manche von Euch werden sich vielleicht noch erinnern, dass ich, zur Einweihung des Tanzplatzes Inzmühlen, zu Texten von Helene Cixous, aus Promethea, getanzt habe. Französisch und deutsch vorgetragen von Ramona Homayoun, Grube Louise, und meiner Buchhändlerin aus Waldbröl.

Es geht in dieser Frage um die Bedeutung von Kunst. Helene Cixous schreibt über die Beziehung von Poesie und Politik. Sie schreibt:

Ich habe Fragen:

Schreiben oder nicht schreiben? Fragen, die in unserer Zeit, in unseren Ohren zu hören sind. Wie und warum Gedichte in revolutionären Zeiten? In Zeiten der Unterdrückung? Was bedeutet für uns ein bestimmtes Verhältnis zum Leben, zum Tod?

Wie kann man es mitteilen?

Wir: Frauen in Bewegungen, im Kampf, auf der Suche, in Schriften. Was wollte die Poesie im Ghetto von Warschau sagen? Flüsterte die Poesie noch in Ausschwitz? Wer dichtet in Kambodscha? Wann beginnt das Schweigen? Wann entkommen wir dem Schweigen? Wann ist Schweigen Stein, Sand, Gold? Atem? Von welchem Augenblick an verlieren wir die Möglichkeit der Poesie?

Hélène Cixous, die Weiblichkeit in der Schrift, S. 7

Kommentar Elke Wagner:

Tanzen oder nicht tanzen? Wie und warum Tanz in revolutionären Zeiten? Von welchem Augenblick an verlieren wir die Möglichkeit des Tanzes?

Am 8. März ist internationaler Frauentag, am 17. März ist in Deutschland Equalpay Day, jede 5. Frau weltweit war im vergangenen Jahr Opfer von Gewalt die von ihrem Partner ausgeübt wurde – die Liste lässt sich endlos erweitern …

Sabine Rippe schickt mir von der Demo am 8.3. in Berlin das folgende Foto vom Plakat eines Mädchens.


Die Fragen die die Kunst aufwirft müssen nicht beantwortet werden, sie sollen uns anregen, uns antreiben über das Gefragte nachzudenken. Helene Cixous bezieht sich in ihrem Text auf eine Aussage von Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.„ Sie lehnt sich gegen dieses Kunstverständnis auf, wenn sie fragt: Wann verlieren wir die Möglichkeit der Poesie. Später erklärt Adorno, seine Aussage „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ sei nicht als Verbot gemeint gewesen und ziele nicht bloß auf Gedichte, sondern Kultur im Generellen, wobei er dem Leiden das „Recht auf Ausdruck“ zubillige. Kunst bleibe nötig als der „geschichtliche Sprecher unterdrückter Natur“. aus Wikipedia.

Zurück zu der Frage von EW, wann verlieren wir die Möglichkeit zu tanzen? Für mich verlieren wir die Möglichkeit zu tanzen wenn wir aufhören zu atmen. Mein Tanz beginnt mit dem Atem. Einatmen – Ausatem, Bewegung, Tanz.

Was wir in Dancing Dialogue machen ist uns auf den Augenblick der Begegnung mit der Atembewegung vorzubereiten. Hört sich einfacher an als getan. Was wähle ich aus als Tanzplatz, wo öffnet sich mein Ballsaal? 

Im Atem, in der Lunge, im Herzen, im kleinen Finger? Soweit der Atem reicht …

In der Stimme

Im Bewegungsimpuls

Im Gegenüber

Im Gegenüber von Raum und Zeit

Im Gegenüber der Mittanzenden – aktiv, passiv, der Vorbeikommenden, dem Meer, dem Wasser, dem Stein, dem Sand

Spontan oder überlegt

Tanz … die Möglichkeit eines jeden Menschen

Über den Tanz die Welt miteinander teilen

Raum geben, Weite, Zeit geben, verbinden … 

Bewegung entdecken

Lebenstanz, wiederkehrende Bewegungen, Gefühle, Inhalte, Themen

Die eigene Geschichte umschreiben und indem wir tanzen in eine ertragbare, lebbare Form bringen


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