Die Choreografie des Augenblicks

Heilende Kräfte im Tanz Blog - Gabriele Fischer > Dancing Dialogue  > Die Choreografie des Augenblicks

Die Choreografie des Augenblicks

Diesen Begriff, die Choreografie des Augenblicks, aus dem vorangegangenen Blog übernehme ich gerne, verweist er doch auf die Beziehung, die Kommunikation, den Austausch, auf die Lebendigkeit, die entsteht an einer zeitlich und räumlich klar umrissenen Schnittstelle in der sich Bewegung und Tanz ereignen und gesehen werden. Das, was in diesem Augenblick sich zeigt, sichtbar wird, gesehen wird, wahrgenommen wird. Der Moment in dem das, was wir bis dahin erfahren und gelernt haben in unserem Leben unmittelbar zum Tragen kommt und mit dem Gegenüber in Kommunikation tritt.

Was oder wer choreografiert den Augenblick einer Begegnung zwischen zwei Menschen, Fremden auf der Straße, mit dem Chef im Büro, mit meinem Kind an der Haustüre, mit einem Baum im Wind, einem Tier das aus dem Unterholz bricht, dem tosenden Meer, den sich im Weltall verlierenden Sternen …?, und was hat das mit Tanz zu tun?

Im Augenblick einer Begegnung gibt es viele Reaktionen, die Ergriffenheit bei einem Sonnenuntergang, die Erinnerung an einen Menschen an seinem Grab. Manchmal denken wir im Nachhinein, da hätte ich anders reagieren sollen, ich hätte das und das sagen sollen, mich besser so und so verhalten. Die Choreografie des Augenblicks kennt keinen Radiergummi. Wie ein vermaltes Bild können wir sie im Nachhinein betrachten mit der Gewissheit, dass die folgenden Bilder das Thema Auf eine neue Art und Weise weiter bewegen werden, bis es uns stimmig erscheint.

Zu spät? Nein, es ist nie zu spät. So lernen wir, indem wir Versuch und Irrtum, Erfahrung um Erfahrung anhäufen. Wir denken über eine verpasste Situation nach und beim nächsten Mal wird das unsere Reaktion, unsere Kommunikation beeinflussen, unser Verhalten kann sich ändern durch Wiederholung, durch Training. Hier sind wir im weiten Feld der Pädagogik angekommen und der Verhaltenstherapie. Wie lernen wir?, wie bewegen wir uns, wie tanzen wir?, oder besser gefragt, was tanzen wir?

Die Lernforschung hat das Lernen in verschiedene Lernstufen eingeteilt. Lernen beginnt durch Nachahmung von Bewegungen, von Worten, von Gefühlen. Das Nachahmungslernen macht 80 % im Lernen eines Menschen aus. Da haben wir die Erklärung, warum Menschen so gerne nachtanzen, was andere ihnen vortanzen. Gewohnheit.

Das stellte Iris Bräuninger bei ihren Untersuchungen zum Tanzunterricht in ihrer Doktorarbeit fest. Bewegen nach Vorgabe kommt am besten an. Eine Übung wird angesagt und alle machen sie mit. Ich beobachte das oft im Schwimmbad bei den gymnastischen Vorgaben am Beckenrand. Da machen gerne auch die Im Becken mit, die gar kein Rezept haben.

Mich blockiert dagegen das unbewegliche Stehen beim Aquafit in meinen freien Bewegungen und meist bleibt mir dann auch wirklich nur noch 20 % vom Becken übrig. Das Becken wird nicht mehr geteilt sondern aufgeteilt. Der Frontalunterricht blockiert die Beziehungen untereinander.

Arbeiten SchülerInnen in Gruppen lernen sie zu kooperieren, sich auszutauschen, bekommen ein Gefühl für einander und den Umgang miteinander. Es ist spannend sich mit der Lernforschung zu beschäftigen vor allem um sich selbst besser kennen zu lernen. So sind wir oft verzweifelt, wenn unser Lernerfolg nicht steil ansteigt, wenn wir dagegen wissen, dass Lernen sich Nicht in steil ansteigenden Erfolgskurven vollzieht sondern in oder auf Plateus, dann können wir uns entspannt zurücklehnen und weiter üben, weil wir wissen, das wird schon.
https://lerntool.ch/trainingskurven-lernen-des-koennens/

Es gibt im Lernen aber auch verschiedene Schwierigkeitsstufen. Das Nachahmungslernen ist das Trittbrett mit dem wir aufspringen aufs Lernen, von der bloßen Reproduktion, also dem machen, was uns gesagt wird zu einer eigenständigen Lösung einer Aufgabe und dem Übertragen des Gelernten in ganz andere Lebensbereiche und Problemfelder ist es noch ein Stück Weg. Das ist auch der Weg zum mündigen Bürger, Bürgerin. Kant nennt es, das Heraustreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Die Choreografie des Augenblicks fordert uns heraus alle Fähigkeiten, die wir bis zu dem Augenblick, bis der Tanz beginnt, erworben haben einzusetzen. Wir können unser Gegenüber, sei es nun das Meer oder einen Menschen oder eine Skulptur nachahmen in unserem Tanz, die Linien nachzeichnen, die Bewegungen kopieren, wir können selbst Wasser werden, einen Wasserfall in unseren Bewegungen imitieren, selbst die Skulptur sein.

Gehen wir jedoch einen Schritt weiter und spüren hin, was in der Begegnung Mit dem Meer bei uns anklingt, was die Begegnung bei uns auslöst, bewirkt, welche Gefühle, Erinnerungen … in uns wach werden, so kommen wir aus der Reproduktion heraus in eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Augenblick.

Unser Tanz schaut sich um, was ist in diesem begrenzten Feld, das mir gerade entgegenkommt los? Was ereignet sich da?, und welche Bewegung löst es in mir aus?, oder welche Bewegung, die ich noch gar nicht kannte, kommt mir da entgegen?

Die Choreografie des Augenblicks erweitert unser Reaktionsvermögen, hält uns offen für das Unerwartete, fördert unsere Kommunikationsfähigkeit, verbindet uns mit dem Augenblick in dem wir die Bewegungen unseres Leben wieder erkennen. Wir lernen In diesem Augenblick auf vielen Ebenen etwas darüber, wie wir mit Menschen, der Natur, Kunst … in Beziehung treten. Die Choreografie schreibt das Leben selbst. Die Bewegungsimpulse entspringen der Lebendigkeit der Verbindung, die in diesem Augenblick präsent wird.

Tanzen bietet das ideale Spielfeld für soziales und politisches Lernen. Wir können erfahren, wie wichtig jeder, jede Einzelne in der Gruppe ist, dass Gruppe dann Spaß macht, wenn alle sich nach Leibeskräften einbringen, zum Gegenüber werden wollen. Wir können uns ausprobieren und spielen miteinander, wir können Reaktionen und Rollen einüben, erkennen und verändern.

Die Choreografie des Augenblicks bewegt und verändert mich und mein Gegenüber. Wir können unsere Verbundenheit wahrnehmen und das Leben, wie es uns erkennt, annimmt und trägt. Das macht ein tiefes Gefühl von Glückseligkeit.





2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Kommentar
Name
Email
Website