Im Tanzen die Welt miteinander teilen

Heilende Kräfte im Tanz Blog - Gabriele Fischer > Dancing Dialogue  > Im Tanzen die Welt miteinander teilen

Im Tanzen die Welt miteinander teilen

Meine Gedanken kreisen um das Thema Choreografie. Das kommt, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde, ob wir denn so ganz ohne Choreografie tanzen. Choreografie ist ein Thema das aus der Tanztradition kommt und keineswegs ein Thema das aus mir käme. Dazu schreibe ich später mehr. Den Begriff Choreografie prägte Rudolf von Laban um 1920. Er betrachtete die Tanzenden wie einen Chor und sich als Dirigent dieses Bewegungschors. Sich auszudenken, wie ein Tanz ablaufen soll und andere dazu anzuleiten, diesen Vorstellungen zu folgen ist aber sehr viel älter, schon bei Ludwig dem 14. finden wir den choreografierten Tanz, mit ihm als Sonne in der Mitte des Universums.

Es wird einfach gerne nach Anleitung und Vorgabe getanzt, das sehen wir bei vielen Tanzveranstaltungen und auf jeder Bühne. Bei einer Geburtstagsfeier in Brasilien leitete das Geburtstagskind nach kurzer Zeit unsere vorher freien Bewegungen in die sicheren Bahnen der Bewegungen, die auf dem Videoclip zu der Musik präsentiert wurden. So zu tanzen ist einfach gang und gäbe.

Ohne Choreografie zu tanzen heißt in der Fachsprache improvisiert zu tanzen. Beides hat so ein Gschmäckle im Deutschen. Da improvisiere ich mal was, sagt die Gastgeberin, die vom Besuch überrascht wird und in die Küche eilt um was zu essen auf den Tisch stellen zu können. So richtig nach Qualität klingt das nicht, nur im Jazz, da ist Improvisation alles.

Einmal sagte ein orientalischer Trommler zu mir, Gabriele, Du bist die einzige Tänzerin die ich in D kenne, die improvisiert tanzt. Oh, dachte ich, wie kommt das denn, Bauchtanz entsteht doch aus dem Zusammenspiel von Musik und Bewegung. Die Tänzerin senkt die Hüfte, der Trommler setzt den Schlag. Sind wir gewohnt nach Konserve zu tanzen, kommt der Einsatz der Trommel und erst dann die Bewegung. Das sind feine Unterschiede, die den Tanz im Auge der Kundigen neben die Spur laufen lassen.

Ein Zusammenspiel von Musik und Bewegung finden wir bei einem choreografierten Tanz ja ursprünglich auch, aber in der Reproduktion geht dieses gemeinsame Spiel verloren, es erstarrt. Ich möchte es mal in den Begriffen Zeit und Raum, die die moderne Kunst verwendet, ausdrücken. Die Zeit wird angehalten, wenn ich reproduziere, auch der Raum wird fixiert so dass der choreografierte Tanz nicht im Hier und Jetzt sondern in einer seltsamen Zwischenzeit, in einem Zwischenraum stattfindet, indem er die Verbindung in die Vergangenheit aufrecht erhält und damit verhindert, dass wir im Tanzen in eine wirkliche Verbindung mit dem Hier und Jetzt, also mit den tatsächlich vorhandenen Energien auf der Bühne, eintreten und damit wirklich mit den anderen die Tanzen oder Zuschauend in Verbindung sind. Die Choreografie nimmt die unmittelbare Begegnung weg und macht sie mittelbar. Sie steht als Mittel zwischen Dir und mir.

Das ist nicht gut oder schlecht sondern das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen In der Kunst. So wie ein Fotograf für seine snap shots berühmt werden kann und ein anderer für seine tagelang arrangierten und bis ins Detail ausgeklügelten Fotos. Beide Herangehensweisen setzen sehr viel Professionalität voraus.

In Dancing Dialogue haben wir in über 20 Jahren Forschungsarbeit sehr intensiv daran gearbeitet, welches Handwerkszeug eine Tänzerin braucht ohne Choreografie auf die Bühne zu gehen. Sie schreibt ja in dem Moment, indem sie die Bühne betritt mit ihren Mittanzenden gemeinsam eine Choreografie in Echtzeit. Nichts wird sich so jemals wiederholen. Der Tanz ist ein Original.

Dazu fällt mir ein Text von John Berger ein, Feld, in, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens, Wagenbach, S 123. Dies ist ein Grundlagentext in DD. Berger war Schriftsteller und Kunstkritiker und beschäftigte sich als Maler mit dem Thema SEHEN. Bekannt wurde er durch eine BBC Sendung in der er und andere sich mit dem Thema Sehen beschäftigten d.h. mit den Einflüssen auf das, was und wie wir wahrnehmen. Dabei entstand das Standartwerk SEHEN, rororo. Das ich sehr empfehle.

In Feld beschreibt er eine Szene an einem Bahnübergang, an dem er wartet, bis die Schranken wieder hoch gehen und er passieren kann. Über die Schranke blickt er auf ein Feld, eine Brache. Zeit und Raum dieses Augen-Blicks sind klar umrissen. Sie bilden einen Rahmen. Die Vögel, die über das Feld fliegen, die Pflanzen und Tiere, die sich zeigen und die gesehen werden, die Gesamtkomposition ist nicht wiederholbar. Sie ist JETZT. Berger betont, dass es nicht um eine Geschichte geht, die da erzählt wird, es gibt keinen zeitlichen Ablauf vielmehr verschiebt sich die Zeit.

Zitat: Man setzt die Ereignisse, die man gesehen hat und noch immer sieht, mit dem Feld in Beziehung. Nicht nur, dass das Feld sie einrahmt, es enthält sie auch. Die Existenz des Feldes ist die Vorbedingung dafür, dass sie sich so ereignen, wie sie es getan haben, und dafür, dass sich andere Ereignisse in bestimmter Weise abspielen. Jedes Ereigniss existiert Kraft seiner Beziehung zu anderen Ereignissen als „definierbares Ereignis“. Die Ereignisse, die man eben gesehen hat, hat man vor allem (aber nicht ausschließlich) dadurch bestimmt, dass man sie mit dem Ereignis des Feldes in Beziehung setzte, das sowohl buchstäblich wie symbolisch der Grund für die Ereignisse ist, die darin stattfinden. … Zitat Ende.

Es lässt sich zu dem Text von Luce Irigaray, in der Übersetzung von Elke Wagner, leicht ein Zusammenhang herstellen, es geht beiden um ein in Beziehung treten, um ein Teilen der Welt, wie es Irigaray nennt. Ich finde es hilfreich beim Lesen der Texte DD vor Augen zu haben, den Tanz am Meer bei Global Water Dance, letzten Sommer am Gelben Ufer auf Rügen z.B., dann wird konkret, wovon Berger spricht. Da war das Ufer, das Meer, der Himmel, da waren die Vögel, die Steine. An manchen Tagen sahen wir Boote, Schiffe. Am Performancetag ein schweres Unwetter, aber nur an den Rändern unseres „Feldes“, unserer Sicht und wir Tänzerinnen mitten drin in einer Schutzzone. Nur das aufbrausende Meer und der tobende Sturm stellten die Verbindung zum Außenraum her. Jetzt zitiere ich weiter John Berger im Text:

Zuerst ging ich davon aus, dass das Feld ein Raum ist, der Ereignisse erwartet, jetzt gehe ich davon aus, dass es in sich selbst ein Ereignis darstellt. Aber diese Inkonsequenz entspricht genau dem unlogischen Wesen dieses Ereignisses: Während man gleichgültig irgendwo hinguckt, tut sich plötzlich etwas auf und erzeugt eine Glückseligkeit, von der man auf der Stelle weiß, dass sie einem selber gehört.

Das Feld, vor dem Du stehst, scheint dieselben Proportionen zu haben wie Dein eigenes Leben. Zitat Ende.

Berger hat einen reichen Erfahrungsschatz im Betrachten von Bildern, Skulpturen, bildender Kunst. Er beschreibt immer wieder die Wichtigkeit des individuellen Zugangs zu dem Gegenüber und seine ganz besondere Art mit Kunst in Beziehung zu treten macht seine Kunstkritik zu etwas besonderem, seien es nun seine Texte zur Grote Chauvet oder zum Isenheimer Altar oder zum Werk von Pablo Picasso. Er spricht z.B. über einen Tulpenstrauß von Mondrian, indem Er die Blüten zu Katzen werden läßt, die darauf lauern gesehen zu werden. Es geht Berger In seiner Arbeit um diese Kommunikation von Betrachter und Kunstwerk. Und jetzt komme ich zurück zum Teilen der Welt, wie es Irigaray nennt, zu diesem raumlassenden und zeitlassenden Umgang im Miteinander und zu den Grundlagen einer tänzerischen Choreografie des Augenblicks, wie wir sie in DD praktizieren.

Der Tanz, den Du siehst, scheint die selben Proportionen zu haben wie Dein eigenes Leben und für die Tänzerin formuliert, die Bewegungen, die Du machst verbinden Dich mit Deinem Leben und dem der anderen Tanzenden zu einem Gesamtkunstwerk, die Körper der Tanzenden und Zuschauenden, der Beteiligten werden zum Feld, das alles bereits in sich trägt und auf kein Ereignis mehr warten muss, ja, das Ereignis selbst ist. Das macht ein Glücksgefühl, wie es selbst auf den Fotos sichtbar wird.

Ich suche mal nach Fotos, die diesen Zustand der zeitlichen Verschiebung und der räumlichen Präsenz und der Glückseligkeit dokumentieren und das Teilen von Raum und Zeit spürbar werden lassen, von dem Luce Irigaray spricht. Eine Clair Cunningham, eine Anita Kranz Moser mit ihren diagnostizierten Bewegungsbehinderungen gehören in der Choreografie Des Augenblicks dazu, sie sind ein Teil des Ganzen.

Meine Nachfrage bei Elke Wagner, die Fotos veröffentlichen zu dürfen führte jetzt dazu, dass Elke noch einmal das OK einholen wird, von allen Fotografierten … schauen wir mal, wie lange das dauert …

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