Es gestaltet sich schwieriger als ich dachte, für Gisela Notz einen Termin 2020 zu finden. So habe ich Zeit über unsere langjährige Zusammenarbeit zu reflektieren und Danke zu sagen für die Fülle an Erfahrungen, die mir das Projekt Wort und Tanz Mit Gisela Notz und vielen HKIT und DD Tänzerinnen brachte.

Wort und Tanz startete vor 20 Jahren mit meiner Frage, was passiert, wenn wir bei einem Vortrag, bei der Vermittlung von Wissen nicht nur auf Worte lauschen und der Sprache den Vorzug geben oder dem Bild,  sondern, wenn wir dabei mehr auf den Körper und seine Bewegung achten und zwar bei den Vortragenden sowohl auch bei den Zuhörenden oder Zuschauenden? Welches Wissen vermittelt Bewegung? Inwiefern ergänzen sich Worte, Bilder, Bewegung? Dazu gehören für mich sowohl die Bewegungen der Vortragenden als auch die Bewegungen der Zuhörenden, also von Sender und Empfänger. 

Ich erinnere stark die Bewegungen meiner LehrerInnen in der Schule. Sie sind für mich eng verknüpft mit dem, was sie uns beibrachten, offiziell aber auch mit dem geheimen Lehrplan hinter dem Gesagten. Meine Frage ging aber noch darüber hinaus. Gibt es eine eigenständige „Sprache“ von Bewegung? Was kommunizieren wir über unsere Bewegungen, oft unbewusst? Ich wollte mir da mehr Bewusstsein verschaffen.

Später entdeckte ich Forschungen zu dem Thema, die belegten, dass bis zu 80 % der vermittelten Inhalte in einem Gespräch über Bewegung ablaufen, also Mimik, Gestik, Körperhaltung … . Meine Frage nach der Bedeutung von Körper, Körperlichkeit in einer intellektuellen Situation wie einem Gespräch fühlte ich mit diesen Forschungen bekräftigt.

Diesen Fragen auf der Spur bat ich Gisela Notz vor vielen Jahren nach einem Vortrag, bestimmt einer der ersten Kalenderpräsentationen im Frauenmuseum in Bonn, gemeinsam zu forschen, wie WORT und TANZ zusammen spielen. Gisela begegnete meinem Anliegen sehr offen. Sie hatte aus ihren Berliner Studientagen einen Geiger auf den Straßen in guter Erinnerung, zu dessen Spiel viele gerne tanzten. Sie nahm spontan eine Künstlerin in den Kalender auf und ich erinnere mich noch, als wäre es gestern, an meinen Tanz zu Frida Kahlo im Frauenmuseum nach der Kalenderpräsentation von Gisela Notz, oder war es davor? Da verlässt mich die Erinnerung. Wir experimentieren viel mit der zeitlichen Abfolge, was sehr interessant war. Wann wurde von den Zuschauenden oder Zuhörenden die Verbindung von Wort und Tanz als angenehm, konstruktiv, verbunden erlebt, wann als störend?

Ich strich lange durch das Fell des verwundeten Hirschs, das sich staubig und trocken anfühlte unter meinen Bewegungen. Gegen den Strich ging gar nicht. Das sind meine frühen Erinnerungen an unser Projekt. Es folgten viele weitere Varianten, so übernahmen  nach ein paar Jahren die DDs das Tanzen, der Ort Frauenmuseum wechselte und Gisela Notz kam zu uns nach Inzmühlen. 

Auch die Wegbereiterinnen variierten. Oft waren sie KünstlerInnen, wenn möglich TänzerInnen mit einem tragischen Tod im Kampf um die Freiheit. Es gab auch einen Tanz, ganz in unseren Anfängen, gleichzeitig mit Giselas Vortrag. Was als sehr herausfordernd empfunden wurde. Wohin sollte das Publikum die Aufmerksamkeit richten? Wir sind nicht geschult gleichzeitig  Dinge zu erfassen, obwohl wir das unentwegt praktizieren. Da gibt es viel Unbewusstes. 

Wir arbeiteten in DD oft vorbereitend ein Jahr lang zu der Wegbereiterin tänzerisch, die Gisela Notz in ihrem Vortrag vorstellen würde, manchmal aber waren die Performances aber auch ganz spontan. Ich erinnere Grete Wiesental und den Wiener Walzer im Tanzhaus, als die DD als Putzfrauen die Bühne eroberten oder Oda Schottmüller, mein letzter Solotanz in diesem Projekt, deren Ermordung durch die Nazis mich tief bewegte. Ich tanzte einen Kreis, ein Lebensrad im Stehen und Drehen um die eigene Achse. 

Auch der Tanz der DDs zu der Soziologin Marie Jahoda ist mir in lebhafter Erinnerung. Ihre Forschungen zu Bewegungen von Arbeitslosen in Marienthal beeindruckte mich und prägte die Performance.

Bis heute bewegen wir die Beziehungen zwischen Wort und Tanz weiter mit dem Ziel von mehr Bewusstheit. Die letzten Jahre thematisieren wir Sätze, die wir aus Giselas Vortrag erinnerten und rhythmisieren sie, indem wir uns zu den erinnerten Worten, meist Originalzitate, der jeweils vorgestellten Wegbereiterin bewegten. Damit stellten wir eine Brücke zum Publikum her, das wir nach dem Vortrag auf die Bühne zum Tanz baten. Unvergessliche Momente.

Den Rhythmus von gesprochenen Worten für sich entdecken, dabei zu gehen, sich zu bewegen, verstärkt das Wort, die Sprache und bringt sie gleichzeitig in Schwung. Rhythmus als Brücke zwischen Tanz und Musik und gesprochenem Wort. Dazu Kommunikation zwischen den Erinnerungsstücken im Publikum ruft Austausch wach. Da geht es nicht um diese allseits bekannte Selbstdarstellung in Diskussionen nach einem Vortrag sondern um das selbst Eintauchen über Bewegung und Rhythmus in das aktuelle Geschehen, um Aneignung von für gut Befundenem, um Verkörperlichung von Gedachtem durch Bewegung, einem Wiederzusammenfinden von Intellekt und Körper. Ein spannender Prozess. Auf den Luce Irigarey in DIE ZEIT DES ATEMS schon aufmerksam machte. Auch die Entdeckung und Wahrnehmung was anderen bei dem Vortrag wichtig war, einzelnen oder der ganzen Zuhörerschaft war spannend … der gemeinsame Raum der daraus, auf Zeit, zwischen den einzelnen ZuhörerInnen entsteht.

Wir tanzten auch mal mit Gisela in Berlin und waren zu Gast in ihrem Wohnprojekt. Durch die Verschiebung von Raum und Zeit im Laufe unserer Zusammenarbeit, durch die wechselnden Inhalte und Methoden der Erarbeitung konnten wir tänzerisch sehr viel erfahren, studieren, ausprobieren und weite Einsichten gewinnen in das vorhandene aber oft nicht wahrgenommene Wechselspiel von Körper, Bewegung, Tanz und Wissen, Vortrag, Sprache, Wort, Stimme, Atem und hier beginnt es wieder ganz offensichtlich körperlich zu werden. Wir konnten unseren Focus schärfen auf dieses Wechselspiel von Bewegung und Aussage.

Heute, wie zu Anfang des Projekts ist mir die Frage nach dem Wieviel braucht es an Information und wie ist Information mit Körperlichkeit verwoben gleich spannend geblieben. Letztendlich geht es um Sympathie, um Hinwendung und Zuneigung auf individueller Ebene, aber auch um Stimmungen und Meinungen die den sozialen Konsens ausmachen und eben deren Hintergründe in unserem Projekt Wort und Tanz.

Zum Glück können wir in der Kunst frei forschen und müssen uns nicht an wissenschaftliche Correctness halten. Das öffnet uns andere Räume des Experimentierens und Ausprobierens, ungeahnte neue Zugänge und Zusammenhänge können sich zeigen und immer wieder wird deutlich, dass sich eben vieles nicht verallgemeinern läßt sondern unsere sehr persönliche Sicht der Dinge zählt. Das Ostern Vorzug von Kunst.

Chronik Wort und Tanz siehe Blog vom 27. Juli 2015. Für alle, die mehr wissen wollen zum Thema.

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