Vom Werden und Vergehen

Vom Werden und Vergehen

Vor ein paar Tagen blieb ich auf dem Landungssteg in Morro überrascht stehen als ich diese Körbe sah. Wo kamen die denn her? Wer hatte sie da abgestellt? Sie erinnerten mich sofort an die Reusen, die ich in Arnhemland gesehen hatte. Aber sind das wirklich Reusen? Wie sollen damit Fische gefangen werden? Ich blieb einfach stehen und schaute.

Da war sie, die Erinnerung an die Mythe der Aborigines am East und West Alligator River und den anderen Flüssen, die im Nordern Terretory Australiens ins Arafura Meer fließen. Einer Landschaft, die mich sehr an das Land vor Nord- und Ostsee erinnert, lange bevor da Dämme und Schutzwälle gebaut wurden. Überflutungsland. Rhein, Weser, Elbe, Oder, Weichsel … .

Die Mythe rankt sich um eine geflochtene Matte, der Vorläuferin der Reusen, diese Matte der Meermaid, wie es im Englischen heißt, der Meeresgöttin, die die Frauen, wenn sie am Fluss waren schwanger werden ließ und die die Toten mitnahm im ewigen Fluss der Gezeiten, der die Flüsse anschwellen ließ und abflachen im Rhythmus von Ebbe und Flut.

Die Krokodile lagen bei Ebbe träge am Flussufer im Schlamm in der Sonne und ließen sich mit der Flut vom Wasser hinein tragen in das anschwellende Gewässer. Den Mund voll gefährlicher Zähne brauchten sie dann nur noch aufzumachen und die Fische schwammen ihnen direkt in den Rachen, wie im Schlaraffenland die gebratenen Hähnchen.

Eine überbordende Fruchtbarkeit im Werden und Vergehen, im Einklang mit der Natur, im Rhythmus der Gezeiten, geboren werden, selbst gebären, sterben, wieder geboren werden. In der Matte, in den Reusen wartete das neue Leben auf den Tanz., dort hin zurück kehren die Seelen der Toten. Niemals mehr schien mir der Tod so mit dem Leben verbunden wie hier an diesen Flüssen, mit diesen Mythen der indigenen Bevölkerung in Kontakt, mit dieser weiblichen Schöpferkraft.

In dieser Verbundenheit stand ich da am Landungssteg, diese Körbe vor mir, das einzige, was von den Indigenen hier am Strand geblieben ist, ihre Flechtkunst, ihr Wissen um die Pflanzen, die sich zu Körben, Reusen und Matten verarbeiten ließen. Tupi und Tipi, Indianer, wie sie die Konquistatoren nannten, weil sie ja nach Indien aufgebrochen waren.

Die Geschichte der Menschheit stand da, am Strand, in diesen drei Körben vor mir. Mein Boot war längst abgefahren und so hatte ich noch eine Stunde Zeit, dem geschäftigen Treiben beim Entladen der ankommenden Holzboote zuzuschauen.

Mengen von grünen Limonen, in kleine Säckchen verpackt, stapelten sich um mich. Caipirinha, das Lieblingsgerät der Touristen. Vier für ein Glas, mit Cachaca aufgefüllt und mit Zucker versüßt. Der Duft der frisch geernteten Zitrusfrüchte breitete sich um mich aus während ich meinen Erinnerungen an die Meermaid nachhing. Wieviel Vertrauen in das Kommen und Gehen lag darin, welche Sicherheit in diesen Kreislauf von Werden, Vergehen und Werden eingebunden zu sein.

Ich freue mich auf unser Maskentanzritual im Sommer zu eben diesem Thema des Wandels, des Wechsels und des Aufgehoben Seins.

3 Kommentare
  • Renate Barbara Balzer
    Antworten
    Veröffentlicht am13:04, 2. Januar 2020

    Liebe Gabriele, ich bin sofort wieder in Australien am East und West Alligator River, wo wir die schlafenden Krokodile bei Ebbe beobachtet haben (welch ein Anblick, selbst auf die Entfernung von einem Ufer zum anderen – WOW…echte Krodkodile-vergesse ich niemals) und wie sie geflutet worden sind als das Hochwasser auflief… Wie sie ihre Mäuler aufrissen, um von Tisch der Natur zu speisen.
    Ebbe und Flut im Leben….jeden Tag wieder erinnert es mich ans Werden, Sein und Vergehen…auf vielen Ebenen…
    LEBEN eben…
    So auch im Tanz. Wann + Wo beginnt eine Bewegung? Wie und auf welcher Ebene breitet sie sich aus? Fließt von tief innen nach außen, um an der Grenze zwischen Unsichtbarkeit zur Sichtbarkeit geboren zu werden. Welchen Raum, welche Zeit gewähre ich meiner Lebens-Bewegung? So lange bis alles getanzt ist und sie wieder vergeht. All das kann ich wahrnahmen, wenn ich achtsam nach innen lausche und zuhöre.
    Kreislauf… Rhythmus…Raum und Zeit…Unendlichkeit…
    LEBEN eben:-)
    Danke für die Erinnerung, liebe Gabriele,
    sei herzlich gegrüßt über die Nordsee nach Morro:-)
    Renate

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