Mir fällt es schwer “Erde zu haben” umzusetzen… Was ist das denn für dich außer am Boden und auf dem Sofa zu liegen und zu schlafen? Ich denke Körperarbeit auch noch? Aber sonst noch was? Wie fühlt sich Erde haben an?

Diese Frage erreichte mich gestern. Letzte Woche trat die Berührung als Frage in den Tanzraum. Berührung als künstlerisches Kriterium im Tanz und als Voraussetzung. Beim Hinspüren und Nachdenken öffnet sich mir ein großes Feld zwischen

Erdung, Berührung, Körperempfingung, Bewegung, Begegnung, Rhythmus und Tanz und Heilung

Ein Kommunikationsraum den ich meine, wenn ich Dancing Dialogue sage. Ein Raum in dem sowohl die Therapie als auch die Kunst zu Hause sind.

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Es ist Herbst, die Blätter fallen. Ich stehe mit einer Gruppe kleiner Kinder in einem Tanzraum und mirnichts dirnichts verwandelt sich der Tanzraum in ein Meer von fallenden Blättern. Sie schweben und trudeln, kreiseln, flirren und flattern, werden hochgehoben vom Wind um erneut zu sinken … .

Letzte Woche waren wir der Frage auf der Spur, was ist Kunst, was kann weg? Kunst muss berühren, das war uns schnell klar. Aber, was ist Berührung? Tasten, riechen, schmecken, hören, sehen … mit den Sinnen wahrnehmen?

Wieviel Schönheit empfängt das Herz durch die Augen, sagt Leonardo da Vinci. Die Sinne sind es, die bewegen, die Bewegung in uns auslösen und die Körperempfindungen, die damit einher gehen. Grundlage unserer Gefühle, unserer Symbole, Worte, Sprache.

In der frühen Kindheit, in der pränatalen Zeit entwickelt sich unser Rahmen für unsere Berührungsfähigkeit. Das Herz kommt ins Spiel, der Herzschlag der Mutter, der eigen Herzschlag. Tiefes rhythmisches Empfinden. Dieses Framing in der frühen Kindheit, wie es Elisabeth Wehling nennt, siehe Blog, prägt unsere Wahrnehmung unbewusst.

Wollen wir also die Begriffe Erdung, Berührung, wirklich erfassen, müssen wir ans Eingemachte gehen, unser Bewusstsein ist bloß die Spitze eines Eisberges, der größte Teil liegt im Unbewussten.

In tiefer Entspannung kommen wir unseren unbewussten Prägungen nahe. Deshalb ist es so wichtig, in der Körperarbeit weg zu kommen von mechanischen Übungen, hin zum Atem, zum tiefen Atmen, das sich von alleine einstellt, wenn wir uns Zeit lassen. Der Atem kann linear oder nicht linear sein, immer bewegt er uns im Rhythmus des Kommen und Gehens. 

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Du atmest und spürst den Luftzug in Deiner Nase, die Bewegung der kleinen Flimmerhärchen, das Entlangstreichen des Atemzugs an den feuchten Nasenschleimhäuten, die Passage an den Nebenhöhlen vorbei, die Berührung der Stirnhöhle, das Aufwärmen der Atemluft den Weg hinab in den Rachen, die Kehle, der Mund öffnet sich sanft, das Flirren der Stimmbänder im Atemzug, die Luftröhre, ihre feinen Häute …

So entsteht ein Tanz im Dialog von Atem und Körper, er führt uns weit hinein in vorsprachliche Empfindungen, verändert unsere Wahrnehmung, öffnet Zugänge in körperliches Sein, wie es Philosophinnen wie Simone de Beauvoir beschreiben, wird existenziell, berührt. Merleau Ponty spricht von der Ambiguität im gleichzeitigen berühren und berührt werden.

Da, genau da wollen wir hin, an diese Grenze, dort erweitert sich unsere Existenz, sei es nun im künstlerischen Prozess oder im therapeutischen. 

Die Weite meines Umfangens von Zeit und Raum ist das Maß der Weite meiner Existenz. Merleau Ponty

Sinnliche Eindrücke zu diesem Thema über das Hören sind Schlagertitel wie It startet with a Kiss oder Tausend mal berührt … aber auch in der Lektüre finde ich immer wieder Anregungen in den sensomotorischen Raum der Berührung und Erdung einzutauchen. Hier ein Beispiel aus Elena Ferrante, Tage des Verlassen werdens, S 17, bei dem deutlich wird wie stark sie die LeserInnen in das Spüren, in die körperliche Wahrnehmung mit hinein zu nehmen vermag und über Worte den Empfindungsraum der Sinne öffnet:

Es dauerte fast zwei Wochen, bis ich ihm die Frage stellte, die mir sofort auf der Zunge gelegen hatte. Erst als ich seine Lügen nicht länger ertragen konnte, fasste ich den Entschluss, ihn mit dem Rücken an die Wand zu stellen. Ich kochte eine Pastasauce mit Fleischklößchen, die er sehr möchte, dazu schnitt ich Kartoffeln, die ich mit Rosmarin im Ofen backen wollte. Das Kochen machte keinen Spaß, ich war nicht bei der Sache, ich schnitt mich mit dem Dosenöffner, ließ eine Flasche fallen, die Glasscherben flogen in alle Richtungen und der Wein spritzte auf die weißen Wände. Dann griff ich zu hektisch nach einem Lappen und warf auch noch die Zuckerdose herunter. Für den langen Bruchteil einer Sekunde ergoss sich in meinem Ohr das Rauschen des Zuckerregens, der erst auf der Marmorplatte, dann auf den weinverschmierten Fußboden niederging. …

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