Wir bleiben am Ball …

Wir bleiben am Ball …

Ich lade Euch ein, mit mir durch das Tanzhaus zu gehen. Ich möchte Euch gerne eine Übung, die ich bei Anna Halprin kennen lernte, vorstellen. Ihr geht dabei in Gedanken in eine traurige Stimmung, etwas betrübt, bedrückt Euch, während ihr geht. Nach ein paar Minuten wechselt Ihr die Stimmungslage, Ihr werdet fröhlich, lustig, ausgelassen und geht weiter durch das Tanzhaus. Dies wiederholt ihr ein paar Mal um genau beobachten zu können, was sich da in Euerem Körper, je nach Stimmungslage verändert. Geschwindigkeit? Schultern? Kopfhaltung? Atem? Rücken? Beine? Erdkontakt?

Es ist immer wieder erstaunlich bei dieser Übung zu sehen, wie unsere Gefühle unseren Körper, unsere Bewegungen beeinflussen und auch umgekehrt, wie wir mit unserer Körperhaltung, unseren Tempi unsere Stimmung beeinflussen können. In Rolfing, dem Buch von Ida Rolf findet sich ein Comic der Peanuts, Charlie Brown lässt den Kopf hängen und seine Freundin kommt dazu und bestätigt ihn indem sie sagt, wenn du willst, dass es dir schlecht geht, lass den Kopf hängen.

Wir erlernen in unserer Kultur unsere Gefühle und ihren Körperausdruck. Wir empfinden dieses Verhalten als stimmig. Wir erlernen auch kulturbedingt männliche und weibliche Körperhaltungen … . Schaut ihr das Video unten an, bei dem es sich um eine Beerdigungsfeier handelt, sind wir befremdet, das passt nicht in unser Bild von Trauer. Trauer ist in unserer Kultur verhalten, still, ruhig, gelähmt. Wie anders der Haka der Schüler bei der Beerdigung ihres Lehrers.

Der Schmerz, die Trauer um den Verlust des Lehrers führt dazu in die volle Kraft zu gehen. Ich erinnere einen Satz Elke Wagners, ALLE UNSERE GEFÜHLE SIND AUSDRUCK UNSERER LEBENSENERGIE. Davon kann ich bei dieser Beerdigungsfeier mit Tanz etwas spüren. Die Trauer blockiert nicht die Lebensenergie, sondern sie ist Lebensenergie.

Meine Frage im letzten Blog, was lernen wir in Ha ka ih te vom Haka der Maori taucht wieder auf und auch die Frage, WO BLEIBEN WIR MIT UNSEREN MÖGLICHKEITEN ZURÜCK? Welchen körperlichen Ausdruck brauche ich als Frau um mich zu leben. Diese Frage schwang bei den vorausgegangenen Hakavideos immer wieder mit, im Vergleich männlicher und weiblicher Tänzerinnen.

Auffällig, dass die jungen Frauen in den Videos sich schon mehr körperlich trauen. Die Frage ist, wieviel passe ich mich an gesellschaftliche Vorgaben an, wieviel kann ich selbst aushalten, mich anders zu bewegen als die anderen? Welche gesellschaftlichen Sanktionen erwarten mich? Ich erinnere an den Kampf der Frauen in Saudi-Arabien ein Fußballstadion besuchen zu dürfen. Solche Strafen drohen uns nicht, trotzdem halten wir uns zurück in Stimme und Bewegung und indem, wie wir unseren Raum einnehmen.

Im letzten Blog fragte ich nach den weiblichen Vorbildern und erwähnte Gisela Notz und ihren Kalender WEGBEREITERINNEN. Es gibt sie sehr wohl, die Frauen, die sich trauen, das gängige Frauenverhalten zu durchbrechen, sich anders zu verhalten als das Groß. Trotzdem bleibt es für jede einzelne von uns als Aufgabe, ihren Ausdruck zu finden, ihre Kraft zu leben und es ist die Frage, wie weit bleiben wir hinter unseren Möglichkeiten zurück. Gerade schickt mir Bettina dieses passende Video von Vera Birkenbihl.

Warum wir sind, wie wir sind. Die unvergessene Vera F. Birkenbihl erklärt es in 56 Sekunden. 😉

Gepostet von Andreas Schmidt am Dienstag, 19. August 2014

In vielen Gesprächen zu diesen Maoritänzen fällt mir auf, wie unangenehm es meinen Gesprächspartnerinnen ist, wenn ich von Kraft spreche, von Krafttänzen, wie unangenehm die offen zur Schau gestellte Aggression in den Maoritänzen ankommt. Sehe ich hingegen die Reaktion der MaorizuschauerInnen, dann sind diese sehr tief ergriffen, bewegt, voll Liebe.

Ich frage mich, als Mahatma Gandi an die Englische Kolonialmacht die Forderung nach Unabhängigkeit stellte, war das nicht aggressiv?, im Sinne von herantreten? Ghandi, der spirituelle Krieger. Gut, er riss nicht die Augen auf und streckte nicht die Zunge heraus oder machte ein martialisches Gesicht. Seine Forderung war denke ich sehr viel erschreckender, für die Engländer, als jede Grimasse eines Maori.

Es gibt viele Formen machtvoll herauszutreten und in der Diplomatie braucht es da bestimmt andere Formen als im Tanz. Im Tanz aber lernen wir unsere unterdrückten Anteile kennen und können sie befreien. Ich denke da an die sexuelle Befreiung in der Tarantella, im Bauchtanz, im Tango. Die Tänze der Maori bieten uns eine andere Form der Befreiung an. Sie haben mit Selbstwert zu tun, mit Rückhalt und mit Sich zeigen, mit der Lust kraftvoll nach außen zu treten. Die volle Wucht der Lebenskraft schlägt mir da entgegen. Was fällt uns so schwer, das anzunehmen?

Ich erinnere, wie ich mit Tänzerinnen nach Affirmationen suchte, die ihnen Selbstvertrauen und Zuversicht geben konnten und wie schwer es Ihnen fiel, durch das Tanzhaus zu gehen und Sätze zu sagen wie: Ich schaffe das. Mit mir machst Du das nicht. … Wie schwer es fällt, fest aufzutreten, rhythmisch zu sprechen, den ganzen Körper mit einzubeziehen, so dass wir eine Aussage sind in Wort und Bewegung und nicht der Körper in der Traurigkeit hängt, während der Gesichtsausdruck Fröhlichkeit signalisiert.

Damit sind wir wieder bei der eindrücklichen Übung von Anna Halprin oben und bei der Macht der Gefühle aber auch der Bewegung. In diesem Spielfeld bewegen wir uns, wenn wir Karate lernen oder eine andere Kampfkunst ebenso, wie wenn wir tanzen. Wir begeben uns auf die Spurensuche nach unserem vollen Potenzial. Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesem Ausflug zu den Maori in den vorangegangenen Blogs Euere weibliche Neugier hätte wecken können, zu schauen, was geht da noch mehr, Euere Möglichkeiten Frau zu sein, zu erweitern. Wir bleiben am Ball und tanzen weiter. G.F.

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