Formen und verformen

Formen und verformen

Der Bärengeist. Ich bin immer froh, wenn er in der Arbeit auftaucht. Er weißt uns auf den Heilungsaspekt in unserem Tun hin. So steht auch dieser Maskentanz, der gerade erst im Ton und mit der Pappmaché begonnen hat, unter seiner ganz besonderen Obhut. Es geht um das Heilsame im Werden und Vergehen, um das Heilsame im Zerbrechlichen, um das Heilsame in der Öffnung, der Freiheit, im Lieben und Hassen, im Zusammenhalten der Bruchstücke aus denen wir bestehen, es geht um die heilsamen Aspekte im Zusammensein mit den anderen.

Es braucht Zeit, die Maske kennen zu lernen. G. schreibt: … „Meine Maske schaut sich das ganz gelassen vom Sofakissen aus an…! … Ich merke auch, dass da jetzt noch eine Ruhephase nötig ist; da muss sich erstmal etwas setzen, da muss etwas ein bißchen gären – wie ein Sauerteig…“.

Viel ist in Bewegung geraten … bis zum Tanz braucht es noch eine Weile und das ist gut so. Die Maske wirkt wie aus einem Strudel entstanden, dadurch dreht sie sich für mich beim Anschauen in die Gegenuhrzeigerrichtung. Ein aufrührender, auflösender Aspekt in der sonst so ausgewogen erscheinenden Form, der sich allerdings auch im Mund zeigt, in der Öffnung der Unterlippe. Das Foto zeigt den Strudel nicht so gut. Ich bin schon sehr gespannt wie es weiter geht, Tanz.

Diese Maske trägt in den Ohren noch die haptische Erinnerung an den Teddy im Kinderzimmer mit sich und gleichzeitig ist sie auf dem Sprung in andere Tiere und Kräfte hinein, im Wandel, im Umbruch begriffen. S. B. schreibt: „Keine direkte Vorstellung, wie es weiter geht. Es bleibt spannend.“

Ich überlege, unter welchem Thema dieser Maskentanz steht, aus den Erfahrungen im Maskenbau heraus? Da sind die auflösenden Tendenzen auf der einen Seite und auf der anderen, im Erkennen der Bruchstückhaftigkeit unseres Seins, das Erkennen der Öffnungen, die Passagen anbieten, Durchgänge, Übergänge.

Ich erinnere Gespräche in den Maskenbautagen zu Polaritäten, zur dualistischen Weltsicht, Fragen zur Überwindung der Gegensätze, wenn sie uns in Sackgassen führen und erstarren lassen. War da nicht sogar eine Schlange auf einer Maske? Oxumare? Die mächtige Kraft, Widerstände nicht zu brechen, sondern sie zu umgehen, sich durchzuschlängeln anstatt dreinzuhauen, wie Xango?

Mir drängt sich das Thema Werden und Vergehen auf. Es hört sich so abstrakt formuliert so ungreifbar an, doch, was in unseren gemeinsamen Tagen passiert ist war besonders. Es hat dieses Werden und Vergehen für mich fassbar, greifbar gemacht. Wie konnte das geschehen?

Das Thema ist in lauter kleine Stückchen zerbrochen, ähnlich der Bällchen bei M.s Maske. Es findet sich plötzlich im Alltäglichen. Im Formen eines Stückchens Tons zu einem Bällchen und dann wird es wieder platt gestrichen. Ein Formen und Verformen. Eine beständige Bewegtheit. Nichts bleibt wie es war, nichts ist wie es war. Ein permanenter Auf-, Um- und Abbauprozess. Schon schlüpft mir der Begriff Werden und Vergehen wieder ins Unfassbare. Ich greife nach ihm, und sehe wie die gerade aufgebaute Lehmwand wieder in sich zusammen rutscht, in das Innere der Maske fällt.

Ich atme aus und merke wie heilsam es ist in diese konkrete körperliche Erfahrung zu gehen und die großen Gedanken zu lassen. Hier kann ich mich beheimaten, ein Teil sein, der geboren wird und stirbt, in diesem ständigen Formungsprozess sein, ein Teil davon werden. In diesem Fühlen Verbundensein.

3 Kommentare
  • sylvia borrink
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    Veröffentlicht am23:40, 1. September 2019

    Liebe Gabriele,

    obwohl mich der Alltag schneller als mir lieb war wieder in seine eigene Wirklichkeit geholt hat, bleibt parallel die magische Wirklichkeit unserer Woche dank ihrer Manifestation in der Maske erhalten.

    An einigen der vergangen Tage verband mich nur ein Lächeln im Vorbeigehen mit meiner Maske, doch heute hatte ich auch wieder Muße, die Stellen, die zuhause mit Teppichmesser, Skalpell und Schere ein weiteres Mal verkürzt, erweitert oder begradigt werden mussten, auch ein weiteres Mal mit Pappe zu kaschieren.

    Das hieß also: Ein weiteres Mal die Hände ab in den Kleister (ein absoluter Running Gag, weil es uns manchmal schien, als wollte diese Arbeit überhaupt niemals enden… ) – und die Gedanken schweifen zurück in die Zeit, als wir in Gemeinschaft individuell eins wurden mit dem Formen des Tons.

    Für mich war es, als wären wir alle durch ein unsichtbares Band miteinander verwoben und würden einer unsichtbaren Ordnung oder Choreografie folgen, die sich durch uns bewegt – sowohl durch uns als Einzelne als auch durch uns als Gemeinschaft. Währenddessen waren wir in goldenes Spätsommerlicht getaucht und über lange Phasen nur vom rauschenden Spiel des Windes mit den Blättern in den Bäumen begleitet. Wirklich magisch.

    Ja, und dann folgte das handwerkliche Geduldsspiel mit der Kaschierung – nicht mehr so magisch 😉 – eher herausfordernd, aber das unvermeidliche konzentrierte gemeinsame Aufkleben der Pappschnippsel, meist vom Knistern des Feuers begleitet, hatte auch eine meditative Seite, erinnerte mich an gemütliche Puzzle-Stunden mit meiner Oma, und war zum Glück auch oft von gemeinsamem Lachen unterbrochen, dass die immer wieder ansteigende Anstrengung entlud. Daran habe ich mich gerade schmunzelnd erinnert…

    Das Kaschieren ist eigentlich nicht nur ein unvermeidliches Geduldsspiel, sondern intensiviert die Verbindung mit der Maske noch einmal um ein Vielfaches, da man mit Aufmerksamkeit und Hinwendung immer wieder allen Hügeln, Tälern, Einkerbungen und LInien mit den Händen folgt und dadurch immer wieder Lebendigkeit in die Maske gibt. Das stärkt sowohl die Verbindung der Materialien als auch die energetische Verbindung.

    In unserer Woche ist durch die wunderbare Tanzarbeit in Kombination mit einer Schöpfung aus Erdmaterial ein für mich neu entdeckter Heilungsraum entstanden.
    Viele vergangene und auch neue Erfahrungen offenbaren sich mir in meiner Maske und sowohl Schreckgespenster als auch Krafttiere hielten/halten Einzug.
    Ich halte ein ganz lebendiges Wesen in meinen Händen, wenn ich an der Maske arbeite und setze sie auch gern hin und wieder auf und freue mich über die Bewegungen, die dabei so entstehen.

    Noch immer bleibt offen, welche Farben das Wesen tragen wird…nuuun… muss…. ja ….auch …erst… einmal… wieder… der ….Kleister….. troooocknen…… Hahaha!!! :-)))))
    Es ist eben, wie es sich für HKIT gehört, ein Prozess und dadurch auch so lebendig und spannend.

    Von Herzen DANKE! 🙂
    Sylvia

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