Global Water Dance und Beziehung

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Global Water Dance und Beziehung

Ich erinnere noch deutlich ein Gespräch in der Gruppe, als die Frage aufkam, wie können Menschen so etwas tun, die Umwelt verschmutzen … mit all den drastischen Auswirkungen, wie Klimawandel … . Da gab es die Vermutung, es könne an der Beziehung liegen, die wir zu unserer Umwelt haben … .

Gestern fragte mich eine Teilnehmerin am Telefon, wo denn bei den Ferrante Zitaten etwas über Beziehung stünde? Ich war erstaunt über diese Frage, denn schreibt die Ferrante in Frantumaglia und vielleicht auch in ihren anderen Werken, nicht eigentlich ausschließlich über Beziehung?

Unter Beziehung können wir die Beziehung zwischen Mann und Frau meinen … oder wie wir uns überhaupt in Bezug zur Welt setzen, treten, stehen. Bewegungswörter … auch ziehen ist eine Bewegung. Mir ist es lästig, wenn an mir herum gezogen wird, auch Erziehung hat für mich diese negative Note. Während in Bezug treten, Bezogenheit mir ein gutes Gefühl gibt, vielleicht liegt es an der aktiven und passiven Rolle?

Beziehung in DD. Wie geht das? Durch unseren Tanz mit dem Meer am 15. Juni waren wir sehr stark aufeinander bezogen. Wie die Fotos nach dem Tanz zeigen, das Bedürfnis, eng beieinander zu sitzen, zu schwatzen auf Tuchfühlung. Alle saßen in einer Reihe, ganz bezogen auf das Meer, in dem eine weitere Tänzerin schwamm und ganz verbunden war mit der Reihe der anderen, sie konnte vom Meer aus beobachten, wie lange wir saßen und wie sich die Reihe langsam auflöste, ohne Eile.

Chillida weißt uns darauf hin, dass ein gefüllter Körper, bei ihm Skulptur, bei uns im Tanz, Mensch, in einen anderen Bezug zum Raum tritt als ein hohler Körper. In DD geht es deshalb primär um das Fühlen und Füllen des Innenraums. Wie machen wir das? Über den Atem. Der Atem lässt uns uns fühlen, der Atem füllt uns aus, gelangt an die unbekanntesten Stellen unseres Körpers, in jede Zelle.

Der Atem stellt aber gleichzeitig den Bezug zum Außenraum her, verbindet innen und außen, immer wieder neu. Beziehung und Verbindung. Verbindung, binden, ist mir ein angenehmeres Wort als ziehen, das Band, der Bund, der Verband.

Vieldeutige Worte, aber auch Verbindungen können sehr vielschichtig sein, Ferrante spricht von Durchdringung. Sie spricht davon, dass wir ständig aneinander stoßen, unsere Identität dadurch Risse bekommt, dass wir vielleicht gar nicht sind, was wir meinen sondern eigentlich diese destabilisierenden Stöße sind und dass das schwer auszuhalten ist als Erkenntnis und wir deshalb lieber zu Stereotypen zurückkehren, die uns beruhigen.

In einer Tanzgruppe lassen sich solche Beziehungen in den Räumen zwischen den Tanzenden beobachten, wir stoßen, ich sage lieber treffen, aufeinander. Manchmal absichtlich herbei geführt, manchmal unabsichtlich. Was passiert dann? Oft reagieren wir mit Stereotypen. Abwehr: Ignorieren, umdrehen, wegschauen, so tun als ob nix wäre oder aufeinander zu gehen, sich an den Händen fassen, umeinander herum tanzen … Brüderlein komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir, einmal hin, einmal her, rund herum, das ist nicht schwer.

Viele Tanzlieder berichten von diesen Begegnungen, Verbindungen, Beziehungen. Zum Tanze da geht ein Mädel mit güldenem Band, das schlingt sieden Burschen geschwind um die Hand ... . Im Wort Begegnung kommt jetzt noch eine neue Komponente auf, das Gegenüber, der Abstand, die Distanz, das Auseinandersetzen, im Gegensatz zum Verschmelzen, der Symbiose. Abstoßung, eine starke Bewegungen. Was kann ich mir erlauben auf dem Tanzparkett? Tanz ist dort, wo ich spielerisch mich ausprobieren darf.

Aus der Reihe tanzen, durch die Hecke gehen (Andy Goldsworthy), die Aufforderung, das Ritual, den Stereotyp zu durchbrechen. Elena Ferrante spricht von Konturverlust, 475. Sie sagt, dass sie die Absicht hat, in Meine geniale Freundin, eine akribische Dosierung von Stereotyp und Konturverlust herzustellen.

Stereotype beruhigen uns, die Kontur zu verlieren versetzt uns in Panik. Bildhauer wie Eduardo Chillida sprechen von dramatischen Momenten, die an der Grenze von Innenraum und Außenraum auftreten. Die Beziehung zum Raum ist in der Kunst ausschlaggebend. Picasso und Moore sprechen auch von Rhythmus in der bildenden Kunst.

Im Tanz ist der Innenraum mein Körperraum, die Grenze meine Haut, meine Häute. Der Außenraum wird bewegt durch seine Beziehung zum Innenraum. Eine gefüllte Bewegung tritt in eine andere Beziehung als eine nicht gefüllte. Dadurch erhalten wir qualitativ unterschiedliche Beziehungen auf der Bühne, wie im Leben. Unsere Bewegungen treten in Resonanz mit den Bewegungs- und Körpererfahrungen des Publikums. Es kann zu dramatischen Begegnungen kommen.

Vicky Wall sagt: Vorsicht Freunde, ihr betreten das Gewebe meines Lebens. Henry Moore hat sich stark dafür engagiert herauszufinden, wie sich sein bildhauerisches Werk vermitteln lässt, seine Stiftung hat sich dies als Forschungsauftrag auf die Fahnen geschrieben. Moore war neben seiner weltweiten Anerkennung auch enormen Angriffen ausgesetzt als Bildhauer, obwohl er nur gering abwich vom Stereotyp und nicht zur Avantgarde zu rechnen ist, die bewusst provozierend auftrat.

Ferrante nennt es destabilisierende Stöße und behauptet, das ist, was uns ausmacht. Bewegung braucht Polaritäten. Polaritäten erzeugen Bewegung. Im Wort Bewegung liegt der Weg. Martin Walser sagt: Dem Wanderer legt sich der Weg unter die Füße. Dieses Spiel der aktiven und der passiven Begegnung, ist es, was DD ausmacht. Der Atem ist eine Bewegung. Mit dem Atem machen wir uns auf den Weg. Der Atem ist das Logbuch unseres Weges, unseres Tanzes. Festgehaltener Atem blockiert unser Gewebe, frei fließender Atem erweitert uns, lässt uns die Welt umarmen.

Diese Räume wahr zu nehmen, Innenraum, Außenraum, Grenze, mich, die anderen, das Umunsherum, damit in Dialog einzutreten, das hat viele Gesichter und immer geht es um Bezugnahme. Mir kommt der Bettbezug in den Sinn, ein Bett zu beziehen hat mit ziehen zu tun, ist manchmal anstrengend und das Ergebnis ist ein Innenraum geschützt durch den Außenraum und je nach Textil viel oder weniger Geräusch von Grenze.

In Global Water Dance geht es um unsere Beziehung zum Wasser. In uns und um uns. Ressource des Lebens. Gesine Witt zeigte uns, in welche Beziehung Wassermoleküle untereinander eintreten um flüssig zu werden. Sie sprach über Störungen und was wir tun können um uns die Ressource Wasser zu erhalten.

Am Strand bewegte sich jede Tänzerin in ihre Beziehung mit dem Wasser hinein. Es entstand eine lebendige Bewegungen, Botschaften des Wassers konnten sich austauschen. Ein gemeinsamer Raum entstand zwischen den Tänzerinnen, dem Wind, dem Sand, den Steinen und dem Meer. Interessant ist, was zwischen den Körpern passiert, wie sie in Beziehung treten, ohne dass wir es tun. Elena Ferrante spricht von dem was sie weiß und von dem, was sie nicht weiß und dass beides in ihren Texten sichtbar, lesbar werden soll.

Die Beziehung, die wir untereinander und mit dem Meer aufbauen, eingehen, spüren konnten war am Nachmittag des 15.6.2020 am Gelben Ufer spürbar, sichtbar und lesbar wahrnehmen, in ihren bewussten und unbewussten Anteilen. Bezogenheit.

Unsere nächste Reise wird 2020 nach England zu Henry Moore Studios and Gardens gehen. Wir werden schauen, wie er als Bildhauer Bezüge herstellt und welche Informationen wir durch unseren Tanz bekommen, die nur die Bewegung, der Tanz in seinen Werken freizusetzen vermag. Da geht es um den Rhythmus eines Kunstwerks ebenso, wie um die Bewegung, die es in uns auszulösen vermag und immer geht es um Beziehung: Innenraum, Außenraum, Grenze und Zeit. Landschaft, Körper, Skulptur und Rhythmus wie Atem.

1Kommentar
  • Veröffentlicht am7:59, 2. Juli 2019

    Mich bewegt der erste kleine Absatz dieses Beitrags… es bewegt mich schon lange, dieses Thema, allgemein und auch speziell bezüglich der HKiT, dass wir uns verbinden, in Beziehung gehen, uns füllen, fühlen, das um-uns-herum, Mutter Erde, Wasser, oben, unten – aber trotzdem weiter durch die Welt fahren, fliegen, um all’ diese Erfahrungen zu erleben… was TUN wir dafür, dagegen, was auch immer???

    Interessant finde ich den Ansatz dass eine Ursache für den Umgang der Menschheit mit ihrer Umwelt in der Beziehungslosikeit vieler Menschen zu ihrem Körper liegen könnte, das ist für mich ein völlig neuer Aspekt.

    Ich befinde nämlich gerade auch auf Erkundung nach den tieferen Möglichkeiten unserer gegenwärtigen Situation – liegt ein Sinn darin? Können wir wirklich noch etwas ändern? Soll es so sein?
    Es geht mir nicht um Gedanken, wissenschaftliche Erkenntnisse oder ähnliches, sondern um den tieferen Sinn. Falls eine von euch dazu Erfahrungen gemacht hat würde ich gerne etwas dazu lesen oder hören!

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