Global Water Dance – Abschluss

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Global Water Dance – Abschluss

Der künstlerische Prozess

„Aus konstruktivistischer Sicht generiert sich der bildnerisch gestaltende Erkenntnisprozess homolog den Stufen kognitiver Entwicklung nach Piaget (1985) aus sensomotorischen, symbolbildenden und reflexiv-begrifflichen Handlungen. Waser (1990 Abb.1) baut darauf sein Modell mit den drei sich daraus entwickelnden Gestaltungsräumen auf und definiert sie durch die kognitiv-strukturelle, die affektiv-energetische und die semiotischen- kommunikative Dimension.

Im Laufe des Malprozesses werden diese Gestaltungsräume kontinuierlich regressiv und progressiv durchschritten, mit anderen Worten: Der Gestaltungsprozess organisiert sich auf unterschiedlichen Niveaus.“ Waser in Kunst und Psyche, Thomashoof/Naber, Schattauer 1990, S 132.

Das Schreiben, von dem Elena Ferrante spricht, das bildnerische Gestalten, von dem Waser spricht, das Tanzen, führt uns in einen Zustand des FLOW. Den der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi beschreibt, völlige Vertiefung und restloses Aufgehen in einer Tätigkeit, eine Art Trancezustand, die besonders im Spiel erreicht werden kann. (Quelle Wikipedia).

Im Tanz ist der sensomotorische Raum von zentraler Bedeutung, wollen wir an die schöpferische Ressource unserer Bewegungen kommen. Der freie Bewegungsimpuls führt uns in eine Welt des FLOW, den Betty Edwards in ihrem Buch, Garantiert zeichnen lernen, für das Portraitmalen vortrefflich beschreibt und hervorragende Anleitungen gibt, wie wir aus dem mentalen und symbolischen Raum in den sensomotorischen Raum kommen können.

Bei Elena Ferrante finden wir in ihren Texten, die wir als künstlerischen background, für Global Water Dance 2019, herangezogen haben eine Überfülle an Beschreibungen der drei Gestaltungsräume sensomotorischer, symbolischer, mentaler Raum. Der Schreibprozess organisiert sich wie der Zeichenprozess und der Tanzprozess auf unterschiedlichen Niveaus.

Während der freie Bewegungsimpuls uns in die Begegnung von Fühlen, Spüren und Bewegen bringt, also den sensomotorischen Raum, gelangen wir im symbolischen Raum entwicklungsgeschichtlich in die Zeit, in der wir Worte gelernt haben wie Nase, Mund und Symbole für diese Worte in uns bildhaft entstanden sind. (Siehe Betty Edwars, 2008, S 98ff).

In diesem Alter prägten sich uns auch Worte für unsere Körperempfindungen ein, die wir Gefühle nennen. Gefühle sind Interpretationen von Körperempfinden. Das Kribbeln im Bauch, ist es Angst oder Verliebt sein? Marshall Rosenberg weißt in der Gewaltfreien Kommunikation darauf hin, dass wir uns nur dann empathisch mit anderen verbinden können, wenn wir unsere Stereotype für Gefühle wieder herunter brechen in Körperempfindungen. Der Gefühlswortschatz in den GFK besteht deshalb zum großen Teil nicht aus Gefühle, wie Angst, Wut, Ekel … sondern aus Körperempfindungen wie erschüttert, erstarrt, frustriert … .

Im mentalen Raum reflektieren wir das Tanzgeschehen. Meist machen wir das in DD im Nachgespräch mit den Zuschauern. Im Tanzprozess werden alle drei Gestaltungsräume kontinuierlich regressiv und progressiv durchschritten.

Sehr eindrücklich beschreibt Elena Ferrante diesen künstlerischen Gestaltungsprozess in Frantumaglia 367ff

„… Du Individuum bist in diesem Augenblick nicht anwesend, du bist nichts als dieses Getöse und dieses Schreiben, und darum schreibst du, … . Der Schreibakt ist der fortgesetzte Übergang dieser Frantumaglia aus Geräuschen, Gefühlen und Dingen in Worte und Sätze … . Er ist ein Entschluss und eine Notwendigkeit, ein Fluss, wie strömendes Wasser, und gleichzeitig das Ergebnis von Übung, dem Erwerb von Techniken und Fertigkeiten, ein Vergnügen und eine unnatürliche Anstrengung des Hirns und des ganzen Körpers. … ein sehr vielschichtiger immaterieller Organismus, bestehend, sagen wir, aus mir, die schreibt, aus Lenu (der Protagonistin Anmerkung G.F.) und der Masse an Leuten und Ereignissen, von denen sie erzählt, und aus der Art und Weise, wie sie erzählt … der literarischen Tradition … die Sprache, die man in dem Umfeld spricht, in dem wir geboren und aufgewachsen sind … Dieses permanente tosende Zersplittern im Kopf zu beherrschen, dieses Sich-in-Worte-verwandeln zu erforschen … die einzige Identität die zählt, die dieses immateriellen Organismus ist, der in dem Werk atmet und die durch den Leser freigesetzt wird …

Hier finden wir all das wieder, was ich zuvor versucht habe in seinen Hintergründen und Wirkungen auf den tänzerischen Prozess aufzudröseln: Flow, sensomotorischer Raum, mentaler Raum, symbolischer Raum, selbst das Dreaming als tragende Säule im künstlerischen Prozess von DD taucht bei Ferrante auf.

Das erste Foto zeigt den sensomotorischen Raum, Flow, Spiel, fühlen und bewegen, das folgende Foto den symolischen Raum, der Verband, die Gaze von der Elena Ferrante spricht, um die Brüste von Mutter Erde gelegt, das dritte Foto zeigt Mittel, also Symbole im Tanz, das letzte Foto, nach dem Tanz, der Austausch, der mentale Raum.

Damit möchte ich den Raum für GWD 2019 für mich schließen. Ich freue mich über tänzerische Rückmeldungen und hoffe, es wurde ein wenig deutlich, wie komplex es zugeht, wenn wir tanzen, auf wie vielen Hochzeiten wir gleichzeitig tanzen.

Klaus Mann sagt: Ein Tänzer ist mehr vor dem Herrn als einer der schreibt oder malt. Über diesen Satz denke ich seit vielen Jahren nach, er zeigt einfach, wie komplex das Tanzgeschehen ist.

3 Kommentare
  • Renate Barbara Balzer
    Antworten
    Veröffentlicht am18:49, 24. Juni 2019

    Liebe Gabriele,

    herzlichen Dank für deine mich tief erinnernden Worte. Wie wertvoll es ist, mich immer wieder und wieder und wieder mit den verschienenen Ebenen des Tanzens an Hand diesen Musters zu beschäftigen. Ja, es bewusst bei mir zu haben als Handwerkszeug während meines Tanzprozesses. Sofort erinnert mein Körper die Worte, wie z. B. den “sensomotische Raum”…und was es heißt ihn wirklich das erste Mal damals gefühlt zu begreifen in jeden Millimeter meines Gewebes. Dieses Hineintauchen in meine mega langsamen Bewegungen, mich ganz verbinden mit mir und den Raum um mich herum…bis ich irgendwann auf ein Gegenüber treffe, eine Mittänzerin, die ebenso mit sich verbunden ist…daraus schöpft sich dann ein gemeinsamer ehrlicher authentischer Tanz…solange bis die Bewegung zu Ende geführt ist und beide ihres Weges gehen…tanzen.

    Liebe Grüße
    Renate Barbara

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