DD mit Elena Ferrante

DD mit Elena Ferrante

EF bezieht in ihrem Buch Frantumaglia, Suhrkamp, 2019, Position als Schriftstellerin, sie legt die Einflüsse auf ihr Werk offen ebenso wie das, was für sie die Energie in einer Erzählung ausmacht. Ich finde es interessant und wichtig als Tänzerin in den Dialog mit der Schriftstellerin, ihren Texten einzutreten, finde Bestätigung aber auch eben Worte für das was uns in DD bewegt, was uns tanzen lässt.

Frantumaglia scheint mir immer mehr ein Ersatzwort für den sensomotorischen Raum zu werden, Ferrante spricht vom Zerbrechen, vom brodelnden Magma, vom Wirbelsturm, der uns erfasst, die Ordnung auflöst und damit einen Neuanfang erst möglich macht. Frantumaglia lässt mich auch an den Heilungsprozess der Tarantella denken … viele tänzerische Erkenntnisse die wir in 20 Jahren DD gewinnen konnten, dadurch, dass wir dem Atem gelauscht haben und den entstehenden Bewegungsimpulsen gefolgt sind.

EF macht in ihren Texten aber auch deutlich, dass wir ständig in Bewegung sind und dass unsere weibliche Sicht auf die Welt dringend gebraucht wird für eine demokratische Gesellschaft, wollen wir uns nicht demnächst an die Wand gespült wiederfinden, Bewegungseinschränkungen sind mächtige Übergriffe auf weibliche Identität, weltweit.

Im Anschluss die Texte von Elena Ferrante, die mich als Tänzerinnen unmittelbar ansprachen, einmal ohne, weiter unten mit Interpretationen und tänzerischen Kommentaren von mir, für alle die sich DD verbunden fühlen zum Weiterbewegen gedacht, auch gegen das Vergessen und für die Verbundenheit untereinander. G.F.

Elena Ferrante Zitate aus Frantumaglia 2019

Von einer guten Erzählung erwarte ich jedoch, dass sie mir etwas über das Heute sagt, was ich aus keiner anderen Quelle erfahren kann, sondern nur aus dieser Erzählung, aus ihrer unverwechselbaren Art, Dinge in Worte zu fassen und auf ganz eigene Weise grundlegende Gefühle zum Ausdruck zu bringen. 78

Starke Gefühle sind so: Sie sprengen die Chronologie. Jede Empfindung ist wie ein Salto mortale, ein Purzelbaum, eine schwindelerregende Pirouette. Wenn Delia und Olga (Protagonistinnen) vom Schmerz erfasst werden, hört die Vergangenheit auf, vergangen zu sein, und die Zukunft hört auf, zukünftig zu sein, die Ordnung des Vorher und des Nachher wird außer Kraft gesetzt. Auch beim Schreiben darüber entsteht unweigerlich Verwirrung. Das Ich erzählt gelassen weiter, verwendet eine klare Syntax, lässt Ereignisse langsam ablaufen. Aber, wenn die Gefühlswelle heranwollt, bäumt sich das Schreiben auf, erregt sich, irrt hektisch herum und saugt alles auf, umgibt sich mit Erinnerungen, Wünschen. Delia und Olga müssen sich erst allmählich beruhigen, damit das Erzähler-Ich zu seinem langsamen Tempo zurückfindet. Aber die Ruhe ist nicht von Dauer, nur ein kurzes Kräftesammeln, bevor schon ein neuer Wirbelwind heranfegt. Ein treffendes Bild, das ich gerne aufgreife: Es beschreibt den Schmerz, der uns erfasst wie ein Wirbel; aber auch ein emotionales Schreiben, das die Akustik des Atmens nachahmt, das Ein- und Ausatmen der Lungen, dabei Musik erzeugt, Überreste diverser Epochen herumwirbelt und schließlich heulend vergeht.

Delia und Olga erzählen aus dem Auge dieses Wirbelwinds. Auch wenn sie das Tempo verlangsamen, gehen sie nicht auf Distanz, werden nicht kontemplativ, schaffen sich keinen äußeren Raum zum Überlegen.

Diese Frauen erzählen ihre Geschichte aus dem Zentrum eines Strudels. Deshalb leiden sie nicht unter dem Konflikt zwischen dem, was sie sein wollen, und dem, was ihre Mütter waren, sie sind nicht das Ende einer chronologisch geordneten, weiblichen Genealogie, die in der archaischen Welt, den großen Mythen des Mittelmeerraums ihren Anfang nimmt, um dann bei ihnen als sichtbarem Höhepunkt eines unaufhörlichen Fortschritts zu enden. Auslöser für ihr Leiden ist vielmehr die Tatsache, dass sie sich plötzlich in einer Art Achronie, umzingelt fühlen von der Vergangenheit der Vorfahrinnen sowie der Zukunft dessen, was sie zu sein versuchen, von Schatten, Geistern; das steigert sich bis zu dem Punkt, wo Delia zum Beispiel beschließt, fortan das alte Kleid ihrer Mutter zu tragen; und Olga erkennt beim Blick in den Spiegel in ihrem Gesicht das Profil der Poverella-Mutter als konstruktiven Teil ihres Selbst. 132/133

Ich glaube ich habe bereits erwähnt, dass für mich eine Geschichte dann wirklich funktioniert, wenn man das ständige Getöse der Frantumaglia im Kopf hat, die sich gegen alles andere durchgesetzt hat und nun unaufhörlich danach drängt, Erzählung zu werden. Du Individuum, du Mensch, bist in diesem Augenblick nicht anwesend, du bist nichts als dieses Getöse und dieses Schreiben, und darum schreibst du, schreibst auch dann weiter, wenn du aufhörst zu schreiben, auch wenn du dich um die alltäglichen Dinge kümmerst, selbst im Schlaf. Der Schreibaktivitäten ist der fortgesetzte Übergang dieser Frantumaglia aus Geräuschen, Gefühlen und Dingen in Worte und Sätze, zur Erzählung von Delia, Olga, Leda, Lenu. Er ist ein Entschluss und eine Notwendigkeit, ein Fluss, wie strömendes Wasser, und gleichzeitig das Ergebnis von Übung, dem Erwerb von Techniken und Fertigkeiten, ein Vergnügen und eine unnatürliche Anstrengung des Hirns und des ganzen Körpers. Am Ende ist das, was auf dem Blatt bleibt, ein sehr vielschichtiger immaterieller Organismus, bestehend, sagen wir, aus mir, die schreibt, aus Lenu und der Masse an Leuten und Ereignissen, von denen sie erzählt, und aus der Art und Weise, wie sie erzählt und wie ich von ihr erzähle, sowie aus der literarischen Tradition, auf die ich mich beziehe, aus der ich gelernt habe, und aus allem, was aus demjenigen, der schreibt das Puzzelstück einer kollektiven schöpferischen Intelligenz macht – die Sprache, die man in dem Umfeld spricht, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, die ethischen Überzeugungen, die wir gewonnen haben und so weiter -, also das Fragment einer langen Geschichte, die unsere Rolle als „Autoren“, wie wir sie heute verstehen, ziemlich reduziert. Ist es möglich aus diesem immateriellen Organismus ein konkret erzählbares Objekt zu machen, das heißt Techniken zu entwickeln, um es dem Leser einzugeben, wie man es mit einem Windhauch macht, mit Hitze, mit einem Gefühl, mit den Ergebnissen, aus denen die Handlung besteht? Dieses permanente tosende Zersplittern im Kopf zu beherrschen, dieses Sich-in-Worte-Verwandeln zu erforschen, das so lange andauert, wie die Erzählung dauert, das ist, glaube ich, die geheime Ambition eines jeden, der sich mit ganzem Herzen dem Schreiben widmet. Als Keats sagte, der Dichter habe keine Identität, wollte er, glaube ich, zum Ausdruck bringen, dass die einzige Identität, die zählt, die dieses immateriellen Organismus ist, der in dem Werk atmet und die durch den Leser freigesetzt wird; aber sicher nicht die, die man sich nach getaner Arbeit selbst zuschreibt, wenn man sagt: Ich bin Autorin, ich habe dieses Buch geschrieben. 367 ff

Bei vielen Figuren meines Buches sind die Veränderungen nur oberflächlich, und ein Rückfall in alte Muster ist ständig möglich. Das Problem ist, dass echte Veränderung viel Zeit braucht, während das Leben uns sofort begegnet, jetzt, mit all seinen Widersprüchlichkeiten. 373

Ich bin nicht auf der Suche nach Geschichten, die noch nie erzählt worden sind. Auch die Geschichten die dem Leser als absolute Neuigkeit präsentiert werden, sind stets leicht auf einen sehr alten Kern zurück zu führen. Ebensowenig interessiert es mich, irgendeine abgenutzte Begebenheit durch einen Schuss schönen Stil neu aufleben zu lassen, so als bestünde Schreiben allein darin, die Erzählung unablässig herauszuputzen. Ich neige auch nicht zur Destrukturierung der Zeit, des Raumes, wenn sie eher einen Beweis von Kunstfertigkeit darstellt als eine erzählerische Notwendigkeit. Ich erzähle von gewöhnlichen Erfahrungen und Verletzungen, und mein größter Ehrgeiz – nicht der einzige – ist es, einen Ton zu finden, der in der Lage ist, Schicht um Schicht die Gaze abzuwickeln, die die Wunde schützt, und zur aufrichtigen Beschreibung der Wunde vorzudringen. Je mehr mir die Wunde von tausenderlei Stereotypen versteckt erscheint, von den Vorspiegelungen, die die Person selbst ersonnen haben, um sich zu schützen – kurz, je undurchdringlicher mir eine Begebenheit erscheint -, desto mehr insistiere ich. Mich interessiert nicht das schöne Schreiben, mich interessiert das Schreiben. Und das tue ich, indem ich alles einbeziehe, was die Tradition mir zu bieten hat, indem ich es zu meinen Zwecken zurechtbiege. Nicht die Neuheit ist wichtig, sondern die Wahrheit, die wir selbst aus Umsicht, aus Konformismus hinter harmonischen Formen verstecken oder, warum nicht, hinter experimentellen Übungen. 393/394

Ich wollte eine Freundschaft erzählen, die ein ganzes Leben lang dauert, und zwar in all ihrer Komplexizität. Aber ich wollte auch, dass die Erzählstimme, wie es bei mir gewöhnlich der Fall ist, ganz offensichtlich einen Teil der Erzählung verschweigt, als gelänge es ihr nicht, sie zu Ende zu bringen, oder als handelte es sich um Seiten eines Entwurfs für eine Geschichte, die jedoch nie vollendet wird, weil die andere, diejenige die nicht erzählt, sondern erzählt wird, die Macht besitzt, sie zur Vollendung zu bringen. Beim Schreiben habe ich zwei Ziele: zu erzählen, was ich weiß, und gleichzeitig zuzulassen dass alles, was ich nicht weiß, seinen Weg in die Erzählung findet. In der Geschichte um Meine geniale Freundin verfolge ich dieses zweite Ziel obsessiv. Ich glaube, dass die Kraft der Erzählung, wenn es sie gibt, darin liegt, dass es das, was es nicht trotz demjenigen, der schreibt, sondern trotz dem, was dort geschrieben steht, in die Erzählung schafft. 397

Die Frantumaglia ist der Teil von uns, der sich der Reduktion auf Worte oder andere Formen entzieht, und der in Augenblicken der Krise die ganze Ordnung, in die wir uns stabil gebettet glaubten, auf sich selbst reduziert und auflöst. Jede Innerlichkeit ist im Grunde wie ein Magma, das unter der Selbstbeherrschung brodelt, und es ist dieses Magma, von dem wir versuchen müssen zu erzählen, wenn der Text Energie haben soll. 399

Ich bin eine passionierte Leserin feministischer Literatur, und ich vereine dabei auch weit auseinander liegende Positionen. Aber ich verstehe mich nicht als militante Feministin, ich glaube, ich bin unfähig zu jeder Art von Militanz. Unsere Köpfe sind angefüllt mit sehr heterogenem Material, Zeitfragmente und verschiedene Intentionen koexistieren und liegen in ständigem Konflikt miteinander. Als Schriftstellerin bevorzuge ich es, mich mit dieser häufig konfusen und gefährlichen Überfülle auseinanderzusetzen, anstatt mich innerhalb eines Schemas in Sicherheit zu wiegen, das naturgemäß immer einen großen, weil bedrohlichen Teil der Wahrheit außen vor lässt. Ich schaue mich um. Vergleiche das was ich war, geworden bin, was meine Freundinnen und Freunde geworden sind, Überzeugungen und Zweifel, Fehlschläge, Fluchten nach vorn. Junge Frauen, wie etwa meine Töchter scheinen zu glauben, der Zustand von Freiheit, den sie geerbt haben, sei ein Naturgesetz und nicht das vorläufige Resultat eines noch andauernden Kampfes, in dessen Verlauf man von einer Sekunde zur nächsten alles wieder verlieren kann. Was die Welt der Männer betrifft, so habe ich hoch gebildete, sehr reflektierte Bekannte, die dazu neigen, das ganze Schaffen der Frauen, ob Philosophie, Literatur oder anderes, zu ignorieren oder mit höflicher Ironie kleinzureden. Doch es gibt auch sehr kämpferische junge Frauen und auch Männer, die versuchen, sich zu informieren, zu verstehen, sich trotz Tausender Widersprüche zurechtzufinden. Die kulturellen Kämpfe sind langwierig, widersprüchlich, und solange sie andauern, ist es schwierig zu sagen, was nützlich ist und was nicht. Ich denke mich lieber als Teil eines verknäuelten Haufens, verknäuelte Haufen ziehen mich an. Ich glaube, man muss das Durcheinander der Existenzen, der Generationen erzählen. Es ist nützlich, auch nach den Fadenenden zu suchen, aber Literatur entsteht aus dem Durcheinander. 428 f

Frauen – ob Mütter oder nicht – stoßen noch immer in jedem Bereich auf eine Menge Schwierigkeiten. Sie müssen zu viele Dinge zusammenhalten und verzichten im Namen der Gefühle häufig auf ihre Ambitionen. Einen Weg für die Kreativität zu finden ist daher besonders schwierig. Es braucht eine sehr starke Motivation, beständige Disziplin, viel Verzicht. Und vor allem bringt es eine Menge Schuldgefühle mit sich. Auch um nicht große Teile des eigenen Lebens abzustoßen, ist es wichtig, dass die kreative Tätigkeit nicht jede andere Form des  Ausdrucks absorbiert. Doch das ist das Schwierigste von allem. 467

… Diese Art von Büchern mag ich nicht besonders, ich bevorzuge die, in denen nicht einmal der Erzähler genau weiß, wie es gewesen ist. Erzählen hat für mich immer bedeutet, die Techniken zu entmachten, die die Fakten als unumstößliche Meilensteine betrachten, und dafür die zu stärken, die die Instabilität in Szene setzen. Die lange Erzählung Elena Grecos trägt überall die Zeichen der Instabilität, vielleicht noch mehr als die Erzählung von Delia, Olga und Leda, den Protagonistinnen meiner früheren Bücher. Das was Greco zu Papier bringt, zunächst mit vorgeblicher Sicherheit, lässt sich immer weniger bändigen. Was fühlt diese Erzählerin wirklich, was denkt und tut sie? Und was tut und denkt Lila und alle anderen, die in ihre Erzählung einbrechen? Ich wollte, dass sich alles in der Geschichte um die Geniale Freundin beständig formt und verformt. 474 f

In dem Bemühen, Lila zu erzählen, sieht die Freundin sich gezwungen, alle anderen zu erzählen, und sich selbst unter ihnen, Begegnungen und Zusammenstöße, die die verschiedensten Spuren hinterlassen. Die anderen stoßen, wie ich sagte, im weitesten Sinne ständig gegen uns, und wir tun das selbe mit Ihnen. Unsere Besonderheit, unsere Einzigartigkeit, unsere Identität bekommen ständig Risse. Wenn wir am Ende eines Tages ausrufen: ich bin völlig zerschlagen, so trifft das im wahrsten Sinne des Wortes zu. Wenn man es genau betrachtet, sind diese destabilisierenden Stöße das, was uns ausmacht, die Stöße, die wir erleiden und austeilen, und die Geschichte dieser Stöße ist unsere wahre Geschichte. Sie zu erzählen bedeutet gegenseitige Durchdringung zu erzählen, ein Aufruhr, und theoretisch auch eine unzulässige Mischung aus Ausdrucksregistern, Codes und Genres. Wir sind heterogene Fragmente, die dank Einheitlichkeit erzeugender Effekte – die eleganten Figuren, die schöne Form – trotz ihrer Zufälligkeit und Widersprüchlichkeit eins bleiben. Der billigste Kleber ist das Stereotyp. Stereotype beruhigen uns. Doch das Problem ist, wie Lila sagt, dass es genügt, wenn sie auch nur für wenige Sekunden ihre Kontur verlieren und uns in Panik versetzen. In der Geschichte Meine geniale Freundin herrscht, zumindest in meiner Absicht, eine akribische Dosierung von Stereotyp und Konturverlust. 475

TEXT MIT tänzerischen Kommentaren G.F.

Von der Einzigartigkeit des Tanzes

Von einer guten Erzählung erwarte ich jedoch, dass sie mir etwas über das Heute sagt, was ich aus keiner anderen Quelle erfahren kann, sondern nur aus dieser Erzählung, aus ihrer unverwechselbaren Art, Dinge in Worte zu fassen und auf ganz eigene Weise grundlegende Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

78

Vom Tanzen erwarte ich, dass ich etwas über das Hier und Jetzt erfahre, was ich aus keiner anderen Quelle erfahren kann, sondern nur über diese Bewegungen, aus ihrer unverwechselbaren Art, in Dialog zu treten mit sinnlich Erfahrenem und so auf ganz eigene Art und Weise Grundlegendes in den Gefühlen zum Ausdruck zu bringen.

Gefühle & Bewegung verändern ZEIT und Raum – Achronie

Starke Gefühle sind so: Sie sprengen die Chronologie. Jede Empfindung ist wie ein Salto mortale, ein Purzelbaum, eine schwindelerregende Pirouette. Wenn Delia und Olga (Protagonistinnen) vom Schmerz erfasst werden, hört die Vergangenheit auf, vergangen zu sein, und die Zukunft hört auf, zukünftig zu sein, die Ordnung des Vorher und des Nachher wird außer Kraft gesetzt. Auch beim Schreiben darüber entsteht unweigerlich Verwirrung. Das Ich erzählt gelassen weiter, verwendet eine klare Syntax, lässt Ereignisse langsam ablaufen. Aber, wenn die Gefühlswelle heranwollt, bäumt sich das Schreiben auf, erregt sich, irrt hektisch herum und saugt alles auf, umgibt sich mit Erinnerungen, Wünschen. Delia und Olga müssen sich erst allmählich beruhigen, damit das Erzähler-Ich zu seinem langsamen Tempo zurückfindet. Aber die Ruhe ist nicht von Dauer, nur ein kurzes Kräftesammeln, bevor schon ein neuer Wirbelwind heranfegt. Ein treffendes Bild, das ich gerne aufgreife: Es beschreibt den Schmerz, der uns erfasst wie ein Wirbel; aber auch ein emotionales Schreiben, das die Akustik des Atmens nachahmt, das Ein- und Ausatmen der Lungen, dabei Musik erzeugt, Überreste diverser Epochen herumwirbelt und schließlich heulend vergeht.

Delia und Olga erzählen aus dem Auge dieses Wirbelwinds. Auch wenn sie das Tempo verlangsamen, gehen sie nicht auf Distanz, werden nicht kontemplativ, schaffen sich keinen äußeren Raum zum Überlegen.

Diese Frauen erzählen ihre Geschichte aus dem Zentrum eines Strudels. Deshalb leiden sie nicht unter dem Konflikt zwischen dem, was sie sein wollen, und dem, was ihre Mütter waren, sie sind nicht das Ende einer chronologisch geordneten, weiblichen Genealogie, die in der archaischen Welt, den großen Mythen des Mittelmeerraums ihren Anfang nimmt, um dann bei ihnen als sichtbarem Höhepunkt eines unaufhörlichen Fortschritts zu enden. Auslöser für ihr Leiden ist vielmehr die Tatsache, dass sie sich plötzlich in einer Art Achronie, umzingelt fühlen von der Vergangenheit der Vorfahrinnen sowie der Zukunft dessen, was sie zu sein versuchen, von Schatten, Geistern; das steigert sich bis zu dem Punkt, wo Delia zum Beispiel beschließt, fortan das alte Kleid ihrer Mutter zu tragen; und Olga erkennt beim Blick in den Spiegel in ihrem Gesicht das Profil der Poverella-Mutter als konstruktiven Teil ihres Selbst. 132/133

G.F.: Unterstreiche alle Bewegungsbilder die im Text vorkommen, lasse sie tanzen, erfahre den Text in den entstehenden Bewegungen aus dem Zentrum eines Strudels. Wie verändert sich in der Achronizität die Beziehung zu den Dingen? Schafft Achronizität Nähe? Einstein über Raum und Zeit. Das nichtlinearen der Zeit.

Flow & Dreaming

Ich glaube ich habe bereits erwähnt, dass für mich eine Geschichte dann wirklich funktioniert, wenn man das ständige Getöse der Frantumaglia im Kopf hat, die sich gegen alles andere durchgesetzt hat und nun unaufhörlich danach drängt, Erzählung zu werden. Du Individuum, du Mensch, bist in diesem Augenblick nicht anwesend, du bist nichts als dieses Getöse und dieses Schreiben, und darum schreibst du, schreibst auch dann weiter, wenn du aufhörst zu schreiben, auch wenn du dich um die alltäglichen Dinge kümmerst, selbst im Schlaf. Der Schreibaktivitäten ist der fortgesetzte Übergang dieser Frantumaglia aus Geräuschen, Gefühlen und Dingen in Worte und Sätze, zur Erzählung von Delia, Olga, Leda, Lenu. Er ist ein Entschluss und eine Notwendigkeit, ein Fluss, wie strömendes Wasser, und gleichzeitig das Ergebnis von Übung, dem Erwerb von Techniken und Fertigkeiten, ein Vergnügen und eine unnatürliche Anstrengung des Hirns und des ganzen Körpers. Am Ende ist das, was auf dem Blatt bleibt, ein sehr vielschichtiger immaterieller Organismus, bestehend, sagen wir, aus mir, die schreibt, aus Lenu und der Masse an Leuten und Ereignissen, von denen sie erzählt, und aus der Art und Weise, wie sie erzählt und wie ich von ihr erzähle, sowie aus der literarischen Tradition, auf die ich mich beziehe, aus der ich gelernt habe, und aus allem, was aus demjenigen, der schreibt das Puzzelstück einer kollektiven schöpferischen Intelligenz macht – die Sprache, die man in dem Umfeld spricht, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, die ethischen Überzeugungen, die wir gewonnen haben und so weiter -, also das Fragment einer langen Geschichte, die unsere Rolle als „Autoren“, wie wir sie heute verstehen, ziemlich reduziert. Ist es möglich aus diesem immateriellen Organismus ein konkret erzählbares Objekt zu machen, das heißt Techniken zu entwickeln, um es dem Leser einzugeben, wie man es mit einem Windhauch macht, mit Hitze, mit einem Gefühl, mit den Ergebnissen, aus denen die Handlung besteht? Dieses permanente tosende Zersplittern im Kopf zu beherrschen, dieses Sich-in-Worte-Verwandeln zu erforschen, das so lange andauert, wie die Erzählung dauert, das ist, glaube ich, die geheime Ambition eines jeden, der sich mit ganzem Herzen dem Schreiben widmet. Als Keats sagte, der Dichter habe keine Identität, wollte er, glaube ich, zum Ausdruck bringen, dass die einzige Identität, die zählt, die dieses immateriellen Organismus ist, der in dem Werk atmet und die durch den Leser freigesetzt wird; aber sicher nicht die, die man sich nach getaner Arbeit selbst zuschreibt, wenn man sagt: Ich bin Autorin, ich habe dieses Buch geschrieben.

367 ff

Lasse Dich von EF inspirieren zu Überlegungen darüber, was alles in Deine Bewegungen, in Deinen Tanz einfließt, ihn prägt und ausmacht. Siehst Du eine Verbindung zur Dreaming Arbeit der HKIT?

Veränderung – Nachhaltigkeit

Bei vielen Figuren meines Buches sind die Veränderungen nur oberflächlich, und ein Rückfall in alte Muster ist ständig möglich. Das Problem ist, dass echte Veränderung viel Zeit braucht, während das Leben uns sofort begegnet, jetzt, mit all seinen Widersprüchlichkeiten.

373

Im Tanz zeigt sich echte Veränderung in neuer Bewegung, deshalb ist es interessant zu Lauschen, wann und wo eine neue Bewegung entsteht und wie wir ihr Raum geben können.

Die Wunde beschreiben

Ich bin nicht auf der Suche nach Geschichten, die noch nie erzählt worden sind. Auch die Geschichten die dem Leser als absolute Neuigkeit präsentiert werden, sind stets leicht auf einen sehr alten Kern zurück zu führen. Ebensowenig interessiert es mich, irgendeine abgenutzte Begebenheit durch einen Schuss schönen Stil neu aufleben zu lassen, so als bestünde Schreiben allein darin, die Erzählung unablässig herauszuputzen. Ich neige auch nicht zur Destrukturierung der Zeit, des Raumes, wenn sie eher einen Beweis von Kunstfertigkeit darstellt als eine erzählerische Notwendigkeit. Ich erzähle von gewöhnlichen Erfahrungen und Verletzungen, und mein größter Ehrgeiz – nicht der einzige – ist es, einen Ton zu finden, der in der Lage ist, Schicht um Schicht die Gaze abzuwickeln, die die Wunde schützt, und zur aufrichtigen Beschreibung der Wunde vorzudringen. Je mehr mir die Wunde von tausenderlei Stereotypen versteckt erscheint, von den Vorspiegelungen, die die Person selbst ersonnen haben, um sich zu schützen – kurz, je undurchdringlicher mir eine Begebenheit erscheint -, desto mehr insistiere ich. Mich interessiert nicht das schöne Schreiben, mich interessiert das Schreiben. Und das tue ich, indem ich alles einbeziehe, was die Tradition mir zu bieten hat, indem ich es zu meinen Zwecken zurechtbiege. Nicht die Neuheit ist wichtig, sondern die Wahrheit, die wir selbst aus Umsicht, aus Konformismus hinter harmonischen Formen verstecken oder, warum nicht, hinter experimentellen Übungen.

393/394

Wozu regt Dich EF in diesem Text an im Tanz? Wie könnte dieses Streben nach Wahrheit aussehen wenn Du im Tanz dem Impuls Deiner Bewegungen folgst? 

Zwischen den Zeilen

Ich wollte eine Freundschaft erzählen, die ein ganzes Leben lang dauert, und zwar in all ihrer Komplexizität. Aber ich wollte auch, dass die Erzählstimme, wie es bei mir gewöhnlich der Fall ist, ganz offensichtlich einen Teil der Erzählung verschweigt, als gelänge es ihr nicht, sie zu Ende zu bringen, oder als handelte es sich um Seiten eines Entwurfs für eine Geschichte, die jedoch nie vollendet wird, weil die andere, diejenige die nicht erzählt, sondern erzählt wird, die Macht besitzt, sie zur Vollendung zu bringen. Beim Schreiben habe ich zwei Ziele: zu erzählen, was ich weiß, und gleichzeitig zuzulassen dass alles, was ich nicht weiß, seinen Weg in die Erzählung findet. In der Geschichte um Meine geniale Freundin verfolge ich dieses zweite Ziel obsessiv. Ich glaube, dass die Kraft der Erzählung, wenn es sie gibt, darin liegt, dass es das, was es nicht trotz demjenigen, der schreibt, sondern trotz dem, was dort geschrieben steht, in die Erzählung schafft.

397

Inwieweit kann diese Sicht EF unseren Blick auf das Tanzgeschehen verändern? Wie können wir den Tanz offenhalten?

Frantumaglia

Die Frantumaglia ist der Teil von uns, der sich der Reduktion auf Worte oder andere Formen entzieht, und der in Augenblicken der Krise die ganze Ordnung, in die wir uns stabil gebettet glaubten, auf sich selbst reduziert und auflöst. Jede Innerlichkeit ist im Grunde wie ein Magma, das unter der Selbstbeherrschung brodelt, und es ist dieses Magma, von dem wir versuchen müssen zu erzählen, wenn der Text Energie haben soll.

399

Wo ist die Verbindung von Magma und sensomotorischen Raum? Woraus bezieht Dein Tanzen seine Energie?

Literatur entsteht aus dem Durcheinander

Ich bin eine passionierte Leserin feministischer Literatur, und ich vereine dabei auch weit auseinander liegende Positionen. Aber ich verstehe mich nicht als militante Feministin, ich glaube, ich bin unfähig zu jeder Art von Militanz. Unsere Köpfe sind angefüllt mit sehr heterogenem Material, Zeitfragmente und verschiedene Intentionen koexistieren und liegen in ständigem Konflikt miteinander. Als Schriftstellerin bevorzuge ich es, mich mit dieser häufig konfusen und gefährlichen Überfülle auseinanderzusetzen, anstatt mich innerhalb eines Schemas in Sicherheit zu wiegen, das naturgemäß immer einen großen, weil bedrohlichen Teil der Wahrheit außen vor lässt. Ich schaue mich um. Vergleiche das was ich war, geworden bin, was meine Freundinnen und Freunde geworden sind, Überzeugungen und Zweifel, Fehlschläge, Fluchten nach vorn. Junge Frauen, wie etwa meine Töchter scheinen zu glauben, der Zustand von Freiheit, den sie geerbt haben, sei ein Naturgesetz und nicht das vorläufige Resultat eines noch andauernden Kampfes, in dessen Verlauf man von einer Sekunde zur nächsten alles wieder verlieren kann. Was die Welt der Männer betrifft, so habe ich hoch gebildete, sehr reflektierte Bekannte, die dazu neigen, das ganze Schaffen der Frauen, ob Philosophie, Literatur oder anderes, zu ignorieren oder mit höflicher Ironie kleinzureden. Doch es gibt auch sehr kämpferische junge Frauen und auch Männer, die versuchen, sich zu informieren, zu verstehen, sich trotz Tausender Widersprüche zurechtzufinden. Die kulturellen Kämpfe sind langwierig, widersprüchlich, und solange sie andauern, ist es schwierig zu sagen, was nützlich ist und was nicht. Ich denke mich lieber als Teil eines verknäuelten Haufens, verknäuelte Haufen ziehen mich an. Ich glaube, man muss das Durcheinander der Existenzen, der Generationen erzählen. Es ist nützlich, auch nach den Fadenenden zu suchen, aber Literatur entsteht aus dem Durcheinander.

428 f

Wenn Du dieses Bekenntnis der Schriftstellerin zum Durcheinander liest, wie ist das für Dich, wenn Du tanzt? Ich meine kannst Du da das Durcheinander, von dem sie spricht ausmachen? Wie steht es mit dem heterogenen Material im Tanz, den verschiedenen Intensionen, der konfusen und gefährlichen Überfülle, den Überzeugungen, Zweifeln, Fehlschlägen im Tanz, den Fluchten nach vorn, den 1000 Widersprüchen? Wie findest Du Dich zurecht, wenn Du tanzt? 

Einen Weg für die Kreativität finden

Frauen – ob Mütter oder nicht – stoßen noch immer in jedem Bereich auf eine Menge Schwierigkeiten. Sie müssen zu viele Dinge zusammenhalten und verzichten im Namen der Gefühle häufig auf ihre Ambitionen. Einen Weg für die Kreativität zu finden ist daher besonders schwierig. Es braucht eine sehr starke Motivation, beständige Disziplin, viel Verzicht. Und vor allem bringt es eine Menge Schuldgefühle mit sich. Auch um nicht große Teile des eigenen Lebens abzustoßen, ist es wichtig, dass die kreative Tätigkeit nicht jede andere Form des  Ausdrucks absorbiert. Doch das ist das Schwierigste von allem.

467

Wie geht es Dir da als Tänzerin?

Die Instabilität in Szene setzen

… Diese Art von Büchern mag ich nicht besonders, ich bevorzuge die, in denen nicht einmal der Erzähler genau weiß, wie es gewesen ist. Erzählen hat für mich immer bedeutet, die Techniken zu entmachten, die die Fakten als unumstößliche Meilensteine betrachten, und dafür die zu stärken, die die Instabilität in Szene setzen. Die lange Erzählung Elena Grecos trägt überall die Zeichen der Instabilität, vielleicht noch mehr als die Erzählung von Delia, Olga und Leda, den Protagonistinnen meiner früheren Bücher. Das was Greco zu Papier bringt, zunächst mit vorgeblicher Sicherheit, lässt sich immer weniger bändigen. Was fühlt diese Erzählerin wirklich, was denkt und tut sie? Und was tut und denkt Lila und alle anderen, die in ihre Erzählung einbrechen? Ich wollte, dass sich alles in der Geschichte um die Geniale Freundin beständig formt und verformt. 

474 f

Begegnungen und Zusammenstöße

In dem Bemühen, Lila zu erzählen, sieht die Freundin sich gezwungen, alle anderen zu erzählen, und sich selbst unter ihnen, Begegnungen und Zusammenstöße, die die verschiedensten Spuren hinterlassen. Die anderen stoßen, wie ich sagte, im weitesten Sinne ständig gegen uns, und wir tun das selbe mit Ihnen. Unsere Besonderheit, unsere Einzigartigkeit, unsere Identität bekommen ständig Risse. Wenn wir am Ende eines Tages ausrufen: ich bin völlig zerschlagen, so trifft das im wahrsten Sinne des Wortes zu. Wenn man es genau betrachtet, sind diese destabilisierenden Stöße das, was uns ausmacht, die Stöße, die wir erleiden und austeilen, und die Geschichte dieser Stöße ist unsere wahre Geschichte. Sie zu erzählen bedeutet gegenseitige Durchdringung zu erzählen, ein Aufruhr, und theoretisch auch eine unzulässige Mischung aus Ausdrucksregistern, Codes und Genres. Wir sind heterogene Fragmente, die dank Einheitlichkeit erzeugender Effekte – die eleganten Figuren, die schöne Form – trotz ihrer Zufälligkeit und Widersprüchlichkeit eins bleiben. Der billigste Kleber ist das Stereotyp. Stereotype beruhigen uns. Doch das Problem ist, wie Lila sagt, dass es genügt, wenn sie auch nur für wenige Sekunden ihre Kontur verlieren und uns in Panik versetzen. In der Geschichte Meine geniale Freundin herrscht, zumindest in meiner Absicht, eine akribische Dosierung von Stereotyp und Konturverlust.

475

Wo spüren wir diese Instabilität im Tanz? 

Zusammenstöße?

Stereotype?

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