Täuschung & Kunst

Täuschung & Kunst

Ein Tipp von Bettina Wahl

Lust der Täuschung

Der Frage auf meiner Website „Was ist Tanz?“ auf der Spur ist es mir immer besonders wichtig, mich mit Künstlern und KünstlerInnen anderer Kunstsparten auszutauschen. Dabei viel mir in der bildenden Kunst das Illusionäre besonders ins Auge. Du schaust ein Blatt Papier an, eine zweidimensionale Leinwand und siehst einen Seerosenteich. Wie kann das sein? Aber auch in der Darstellenden Kunst wird mit viel Aufwand daran gearbeitet, die Zuschauer durch Beleuchtung, Musik … in andere Wirklichkeiten zu versetzen, nehmen wir die Traumwelten des Cirque de Solei oder Wagners Rheingold.

Wie läuft das im Tanz? Ballerinas schweben über die Bühne und laden ein in eine Welt der Schwerelosigkeit. Was wollen wir in DD? Auf keinen Fall wollte ich Täuschung, was vormachen, was so gar nicht ist. Das Gegenteil wollten wir. Das Unsichtbare sichtbar machen bis dahin, das Sichtbare sichtbar zu machen. Eine virtuelle Realität? Vortäuschen, was gar nicht ist’s? Doch lädt Täuschung nicht schon vom Wort her dazu ein, zu tauschen? Tauschen wir in DD als ZuschauerInnen für einen Moment die Realität mit den Tanzenden?

In der Einladung „Komm tanz mit mir“ liegt darin nicht die Möglichkeit, mit Muskeln, Knochen und Sehnen für einen Moment den gesehenen Bewegungen zu folgen? Treten wir als BetrachterInnen nicht für einen Augenblick in die Realität der Körperlichkeit der Tanzenden ein? Untersuchungen zeigen, dass unser Gewebe antwortet, wenn wir eine Bewegung sehen.

Welche Bedeutung messen wir diesem Tausch der Realitäten in DD zu? Ich hörte neulich einen Bericht über den heilsamen Einsatz von einer virtuellen Brille bei Depression. 10 Minuten am Tag eintauchen in eine Tiefseerealität oder Ähnliches hilft. In dem Tausch der Wirklichkeiten können wir andere Wirkungen ausprobieren, den Focus anders setzen, erfahren, wie es ist sich mal anders zu bewegen als gewohnt. Hier liegt eine große soziale Ressource, die mit dem Wort Spiegelneuronen nur angedeutet ist.

Die Kognitionswissenschaften beschäftigen sich mit diesem Phänomen, Mentalmagier bedienen sich deren Erkenntnisse um ihr Publikum zu verblüffen. Aber auch die Religionen arbeiten mit Täuschungen, laden ein zum Tausch der Wirklichkeiten. Lenin weißt in seinem bekannt gewordenen Satz: Religion ist Opium fürs Volk, auf die Nähe zum Rausch, zur Sucht, zur Droge hin.

Da tut sich ein reger Tauschhandel auf. Wo liegen die Grenzen? Wie erkennen wir diese? Wenn wir als DD es schaffen, uns für diese Fragen offen zu halten und unser Publikum mit einzubeziehen, dann haben wir eine Menge erreicht auf dem Weg nach mehr Lebendigkeit und Lebensqualität.

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