Das Ofenkind IV – was es braucht

Das Ofenkind IV – was es braucht

Tag 4 Einzelarbeit „Lediglich, das Spüren und Wahrnehmen und Bemerken ist es was es braucht“

G.F.:

Wir sprechen darüber, wie es der Klientin geht, wie sich der Prozess bei ihr in veränderter Wahrnehmung der Wirklichkeit äußert: Verlangsamung und intensivere Wahrnehmung. Sie berichtet, wie sie den Umbauprozess in ihrem Gehirn körperlich wahrnehmen kann, wie sich da was bewegt, verschiebt, bröckelt. 

Wir sprechen darüber, was sensomotorischer Raum für uns ist, wie wir ihn wahrnehmen. Das sind spannende Forscherinnen Themen, in denen immer wieder das Ofenkind auftaucht, das gerne Schokolade isst. Es wird spürbar, dass die Klientin sich da auf dem Ofen einen Schutzraum aufgebaut hat. Von allen Seiten wurde sie vom Ofen und den Mauern berührt, bis auf vorne. Grenzen. Materie. Sich selbst spüren können. Wir denken darüber nach, welche Ressource darin liegt, diese äußeren Grenzen wahrnehmen und aufbauen zu können. Ich erinnere an den Auratanz, den wir mal zusammen getanzt haben, an die Erweiterungen der Körpergrenze über Tanz in die Aura hinein. 

Innenraum und Außenraum begegnen sich. Wie zeigt sich der Innenraum im Außen? Verbiege, verrenke, schütze ich mich, halte ich mich zurück oder entspricht meine Wahrnehmung innen dem was ich nach außen repräsentiere? Wie deckungsgleich sind Innen und Außen. Was ist wünschenswert? 

Eduardo Chillida spricht davon, dass der Innenraum erst durch das Umhüllen sichtbar wird. „In den meisten meiner Werke findet sich ein gemeinsames Problem: das des inneren Raumes als Folge und als Ursprung des äußeren Raumes. Um den inneren Raum zu umschreiben, ist es notwendig, ihn zu umhüllen und so werden sie für den Betrachter, der außen steht, auch umfaßbar (erfassbar).“) Eduardo Chillida, Elkartu, S. 36

Mit diesem Text sind wir in einer Dancing Dialogue Performance im Oktober 2002 in Bedburg Hau gelandet. Wir reden über die DD Bühnenarbeit für die diese Auseinandersetzung von Innenraum und Außenraum tragend wurde. Wie damit umgehen, wenn sich in dem Außenraum noch andere Akteure befinden? 

Das sind Bühnenthemen DD, die mit dem realen Leben zu tun haben. Wie agiere ich in einer Gruppe? … . Tanz hat für mich viel damit zu tun, einen Spielraum zu haben, tanzend andere Verhaltensweisen ausprobieren dürfen, bevor es auf die Gesellschaftspiste geht.

Dass der Kontakt, die Berührung, die Begegnung an der Grenze von Innen und Außen maßgeblich ist wird uns schnell klar. „Ich suche keine Form, was sich zwischen zwei Gegenständen abspielt, das ist für mich von Bedeutung.“ E.Ch. 

Chillida spricht vom Geräusch der Grenze. Da ist er wieder der sensomotorische Raum. Sinnlich erfahrbar und in Bewegung. Als Tänzerin streiche ich an ihm entlang, rolle, kugle, torkle, schiebe, drücke, lehne mich an. Da ist der Kontakt des Kindes auf dem Ofen mit den Mauern des Zimmers. Oft schlief das Kind da oben ein, für Stunden.

Da ist das Bedürfnis gesehen zu werden, in Resonanz zu sein mit der Umgebung und ihren Menschen. Wir reden über Rückzugs- und Suchttendenzen die darin angelegt sind, wenn ein essentielles Bedürfnis nicht befriedigt wird in der Kindheit und sind uns einig, durch das Gesehen werden hat ein großer körperlicher Umbauprozess begonnen, spürbar in den autonomen Bewegungen des Gehirns, der Gewebeschichten des Schädels. In dieser Körperlichkeit liegt Verlässlichkeit und Zuversicht und es braucht jetzt vor allem Zeit.

 

Klientin:

Sehr bemerkenswert war, dass wenn ich in die Heide eintauchte und ganz mit der Natur verschmolz, mich eins mit ihr fühlte, trotz den deutlich kühleren Temperaturen und des ab und an Nieselns, dass die Gehirnscheiben munter weiter arbeiteten, als säße ich immer noch in der Einzelstunde mit Gabriele.

Der Körper ist ein Phänomen. Lassen wir ihn, dann wurschtelt und arbeitet er ganz sensomotorisch vor sich hin und baut innerlich um und ab und neu, ohne, dass wir etwas dazu tun müssen … lediglich das Spüren, Wahrnehmen und Bemerken ist es, was er möchte.

Also spürend, wahrnehmend und ganz aufmerksam mit ihm marschiere ich durch die Heide und fühle die klare, kühle und erfrischende Luft. Der Atem geht ein, geht aus, frischer Atem kommt, er wird leichter, luftiger, vergnügter … großartige Gefühle und intensives Wahrnehmen, tun sich mir da ganz sensomotorisch auf.

Das Ofenkind hatte zwar vom Ofen vorne keinen Schutz dafür war da die Tür – war sie ganz auf, dann war das Kind ganz verschwunden. Die Tür war schützen, beweglich, immer das Tor zum wieder aussteigen, immer wieder die Möglichkeit hervor zu kommen und ins Leben einzusteigen bzw. in die Leere des Zimmer hineinzutanzen.

Ja das machte das Ofenkind auch, es tanzte in die Leere des Zimmers hinein. Am liebsten wenn alle schliefen. Dann tanzte und bewegte es sich, wie es gerade Lust und Laune hatte und war vergnügt über den Tanz und sicherlich auch darüber, dass es durch den Tanz in eine andere Wirklichkeit und in die Schönheit des Lebens kam.

Die Stunde endete mit wohlig arbeitenden Gehirnplatten, die immer noch nicht ihr Werk vollendet hatten und wir besprachen, was wir am letzten Tag in der Einzel machen wollen, so dass ich wieder gut nach Hause und in den Alltag zurückkehren kann. Und dazu mehr im nächsten Beitrag …

Und wieder verschwand ich nach der Stunde in der Heide und ließ mich von ihrer Kühle, Klarheit und Lieblichkeit umhüllen und empfangen …

 

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