Wohin mit meinen Gefühlen? II

Gestern waren wir bei einem Tanzarchetyp der Wut gelandet. Verharmlost finden wir ihn im Rumpelstielzchen wieder, das sich in Grund und Boden stampft. In einer früheren Fassung des Volksmärchens schreiben die Gebrüder Grimm noch davon, dass es in die Luft geht, ganz wie das HB Männchen in der Zigarettenwerbung. Wohin mit meiner Wut? „Alle Gefühle sind Ausdruck meiner Lebensenergie.“ Zitat Elke Wagner. Ich sehe ein Kind vor mir, das wütend ist, weil es etwas will und nicht bekommt. Es stampft mit den Füßen, trampelt, wirft sich auf den Boden, wälzt sich.

Ein heftiger Tanz entsteht. Richard Katz, beschreibt in seinem Buch NUM heilen in Ekstase, wie die Kung im Dunkel der Nacht tanzend in einen anderen Bewusstseinszustand gehen, bis die NUM, die Lebensenergie in ihnen kocht, sie sprechen davon, wie schmerzhaft die Lebensenergie in ihnen tobt, sie verbrennt, andere eilen zu Hilfe, tanzen mit Ihnen, werfen sich auf die Tanzenden und helfen Ihnen diese starke Kraft zu ordnen, in lebbar Bahnen zu lenken. Der Schweiß spielt dabei eine heilsame Rolle. Zitiert im Tanzbuch von … .

Beim Lesen dieses Berichts wurde mir klar, wie verkürzt ich bis da hin die Lebensenergie gesehen habe, immer nur gut und richtig, angenehm, die himmlische Süße eben. Hier kommen die wilden und zerstörerischen Kräfte mit ins Spiel, wie sie die Wut im Gepäck hat und die ebenso zur Lebensenergie gehören. Die Geschichte warnt, dass Xango sich in seinem Palast in seiner Wut selbst verbrannt hat. Vor tödlichen Folgen warnt auch der Herzchirurg Dean Ornish. Wo finden wir in unserer Kultur die Rituale die wilde und gefährliche Lebensenergie, die in uns tobt in lebbar Bahnen zu lenken? Die Tasse an die Wand schmeißen? Andere verprügeln? Mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Kurve rasen? So tun als ob nix wäre? Mit dem Fuß im Bundestag aufstampfen? …

Wut, Angst, Trauer, Freude … unsere Gefühle kommen aus dem sensomotorischen Raum, sie sind spürbar in unserem Körper und sie haben Bewegungen. Die Wut im Bauch, die Angst im Nacken, die Trauer? vielleicht findet sie ihren Ausdruck im nachgezogenen Bein? oder im vorgeschobenen Kopf der zum Wittwenhöcker wird, einer Verkrümmung der Halswirbelsäule. Die Lebensenergie ist eine sehr starke Kraft, die uns in die Kniee zwingen kann. Der Umgang mit ihr will gelernt sein. Wenn wir keinen Weg finden sie ihn lebbar Bahnen zu lenken bringt sie uns um. Schluss mit lustig.

Wilhelm Reich spricht von psychischen Störungen, die Kultur verursacht und von der Notwendigkeit der Entladung der im Muskel blockierten Lebensenergie. Das tut das Kind unmittelbar, wenn es trampelt oder sich am Boden wälzt, es entlädt die Spannung die entstanden ist als seine Energie abgeblockt wurde. Das tun die Kung in ihren Initiationsritualen und finden Heilungsenergie. Das Kind in unserer Kultur findet es Zuspruch? findet es tanzende Körper, die ihm helfen, die ungestüme Kraft in Heilungsenergie zu lenken? Wo ist die nächtliche Gemeinschaft unserer Tage?

Beim ausagieren, ausdrücken von Gefühlen empfinden wir Erleichterung. Seltener findet dabei ein Lernen wie bei den Kung statt, die die zerstörerische Kraft in heilsame Bahnen lenken. Im afrobrasilianischen Candomble heißt diese Kraft Axe, sie wird übertragen in der Umarmung durch die in Trance befindlichen TänzerInnen auf die herbei eilenden Gläubigen. Auch hier spielt der Schweiß eine wichtige Rolle. Was können wir lernen bei diesem Ausflug in die Tanzgeschichte anderer Kulturen?

Der Umgang mit Gefühlen ist lernbar. Gefühle können wir im Körper spüren. Gefühle haben Bewegungen. Unterdrücken wir Bewegung und Spüren so unterdrücken wir unsere Lebendigkeit. Drücken wir unsere Gefühle aus verbinden wir uns mit unserer Lebenskraft. Finden wir keine geordneten Bahnen für diese stärken Kräfte bringen Sie uns um. 

Ich tanze Xango auf der Tanzwiese unter den alten Eichen mit einer Gruppe von Frauen. Wir gehen in die Stimme, in kraftvolle Arm- und Beinbewegungen. Eine Tänzerin macht es uns vor. Sie rammt ihre Fersen in den  weichen Wiesengrund und hinterlässt 10 cm tiefe Löcher auf ihrem Weg durch unser Spalier. Meist verstecken Frauen ihre Wut in einem faden Ausdruck. Diese Tänzerin tut das nicht. Doch sie schießt über das Ziel hinaus, sie kennt ihre körperlichen Grenzen nicht, spürt nicht, dass da Verletzungsgefahr droht.

Auf dem harten gefliesten Beton in Salvador, den die butterweichen Xangofüße im Tanz überfliegen, bricht eine sich die Beine, wenn sie mit dieser Wut aufstampft und die Fersen in den Boden rammt. Im Candomble hat Xango einen Helfer, Oxumare die Schlange. Sie nimmt dem Orixa das Hackebeil, den tödlichen Blitz aus der Hand und verwandelt in in einen lebenbringenden Regenbogen. Der Umgang mit Gefühlen ist lernbar.

Dazu braucht es dass wir spüren, fühlen, schmecken, riechen und uns von da heraus bewegen lernen. Das Gefühl selber kann uns leicht aus dem Häuschen bringen, so dass wir nichts mehr wahr nehmen. Nichts mehr spüren aus Wut, aus Trauer, aus Freude … das ist für Menschen gefährlich. Schmerz zeigt uns eine klare Grenze. Die NUM kocht. Dieser Grenze entlang lernen wir unsere Lebensenergie in fruchtbare Bahnen zu lenken. Eduardo Chillida sagt: „Zum Glück gibt es Grenzen auf dieser Welt und ich kann Bildhauer sein“. Das trifft für mich als Tänzerin genau so zu.

Unserer Lebenskraft begegnen im Tanz , in der Kunst, das braucht Hinspüren, ganz nahe am Körpererleben sein mit den Bewegungen. Das lernen wir in den HKIT mit AATINI. Wir verbinden Atem und Bewegung und spüren dieser Begegnung und ihren Resonanzen im Körper hinter her. Daraus entsteht der Tanz mit dem Freien Bewegungsimpuls. Das ist Baustein zwei im Umgang mit den Gefühlen. Baustein drei sind tradierte Tänze, in denen wir Bewegungen anderer Menschen, anderer Kulturen kennen lernen, die uns einladen mal was Unbekanntes auszuprobieren und so unsere Bewegungsressourcen, die wir im Freien Bewegungsimpuls kennen lernen erweitern und bereichern. Nicht selten bewegen wir uns in diesen Tänzen aus den Alltagsbewusstsein heraus in andere Wirklichkeiten hinein und lernen die Welt mit neuen Augen zu sehen. 

Eine Kollegin sagte gestern am Telefon zu mir: „Wenn dieses tänzeln im Becken kommt, dann kann ich mein Pferd spüren.“ Zitat Stefka Weiland. Wir sprachen über die Lebensenergie. Ein tiefenpsychologisches Symbol dafür ist das Pferd. Ich hoffe ein bisschen Klarheit in die Begriffe Gefühle, Körperwahrnehmung und Emotionen gebracht zu haben.

Ich definiere sie aus tänzerischer Sicht. Gefühle, da steckt fühlen drin und Emotion heißt bis auf das Große E Bewegung, motion. Zusammen weisen der lateinische und der deutschsprachliche Begriff den Weg in die ihnen zu Grunde liegenden Körperempfindungen. Der Umgang mit unseren Gefühlen hat eine einfache Formel:

fühlen + bewegen = Körperempfindungen

Spüren, bewegen, also tanzen macht es uns spielerisch möglich  in der Gemeinschaft mit anderen einen heilsamen Umgang mit unseren Gefühlen zu lernen. Wie machen Gefühle uns stark? Ist diese Frage beantwortet? Braucht es noch mehr praktische Beispiele? Na, ich schau mal. Jetzt ist erst mal wieder Flügel lüften angesagt.

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