Wohin mit meinen Gefühlen? I

Wohin mit meinen Gefühlen? I

Die einen entscheiden sich gar keine mehr zu haben, die anderen ecken mit ihrer überschwänglichen Art überall an, wieder andere ziehen sich gleich ganz zurück und dann gibt es noch die, bei denen es manchmal knallt. Wo und wann lernen wir eigentlich im Laufe unseres Lebens mit Gefühlen umzugehen? 

Antony Quinn sagt in Alexis Zorbas, wenn du denkst du platzt, dann tanze ich, es folgt eine Sirtakiszene. Griechenland ist eines der wenigen europäischen Länder, das sich eine reiche Tanzkultur bewahren konnte, in der Tanz zur Alltagsbewältigung gehört. Aber bei uns? Tanzen wenn wir traurig sind? Tanzen bei Wut? Tanzen vor Freude? Gespannt schlage ich das neue Buch „Tanzen ist die beste Medizin“auf, ein Neurobiologe und eine Neurobiologin. Beim durchlesen bin ich verblüfft, wieviele weltweite Tanzforschungsergebnisse sie präsentieren können und wie locker sie das Thema angehen, ein Wissenschaftskongress auf Malle, auf dem wir sie begleiten und erfahren, was für sie Tanz ist. Auf jedenfall Rhythmus, Paartanz und Choreografie. 

Bei den Gefühlen wird’s schwammig. Wissenschaftlich auf dem Niveau von Ekman, der von Ekel bis Überraschung fünf Gefühle im Gesichtsausdruck aller Menschen erkennt, ich glaube er forschte für den CIA daran, wie man erkennt, wenn Menschen lügen. Führt mich das im Tanz irgendwo hin? Die Frage der Menschen, mit denen ich arbeite ist eine andere. Sie wollen wissen, wie sie im Alltag mit ihren Gefühlen so umgehen können, dass sie andere nicht verletzen, wenn sie wütend werden oder wohin sie mit ihrer Trauer sollen, ihrem Schmerz. Da gibt es Grauzonen und Sperrgebiete mit Trittbomben von Angststörungen bis Depression. 

Wo lernen wir eigentlich mit unseren Gefühlen umzugehen? Mary Wigman, die den Ausdruckstanz ins Leben rief folgte ganz den Zeichen ihrer Zeit. In den 1920 ging es ums Ausdrücken, zuerst Freud mit der Caoch und der freien Assoziation seiner PatienInnen, dann kommt Wilhelm Reich, der die Neurose vom Kopf in den Körper verlegt. Jetzt kommt eine lange Zeit des körperlichen Ausagierens in der Körperpsychotherapie, bis in die 1960iger und 70iger hinein wird mit Tennisschlägern auf Matrazen geschlagen, der Urschrei wird erfunden … . Bis eine junge Psychologin feststellt, es geht auch anders und vom Schmelzen spricht, von der himmlischen Süße und der Ozeanischen Welle.

Gleichzeitig taucht in den 1970igern die Humanistische Psychologie auf und ein Schüler Rogers spricht davon, dass wir die Bedürfnisse hinter unseren Gefühlen herausfinden müssen, um gewaltfrei mit uns selbst und anderen kommunizieren zu können. Das finde ich spannend als Tänzerin. Betrachte ich doch Tanz als Kommunikation mit mir selber und darüber mit den anderen und dem anderen. 

Die Frage was brauchst du? Die ich von Gerda Boysen 100 mal gehört habe finde ich in den Bedürfnislisten von Marshall Rosenberg heruntergebrochen auf die körperliche Ebene des Hinspürens. Durst ist so ein primäres Bedürfnis, Cappucino wäre ein sekundäres. Wie tanzt sich das? Diese Frage stellt sich mir, weil mich die GFK überzeugen. Es ist schnell zu merken, wann der Ausspruch: „Ich bin irritiert“ aus einem Körpererleben kommt oder aus der GFK Liste für Gefühle übernommen wird.

Die Gefühle die Rosenberg auflistet führen mich unmittelbar in den sensomotorischen Raum, den Piage in seiner Kognitionsforschung als Ausgangspunkt unserer Gefühle definiert. Er nennt es den sensomotorischen Raum. Hören, riechen, schmecken, tasten, fühlen und die Bewegungen die damit einher gehen. Aufgrund der Erfahrungen, die wir da in der frühen Kindheit machen prägt sich bis wir in die Schule kommen unsere Einstellung zur Welt aus. Wir haben Worte und Bilder, Symbole und Sprache da heraus entwickelt, was uns in jungen Jahren widerfahren ist. Diese Erfahrungen werden ein Leben lang unsere Entscheidungen unbewusst bestimmen.

Wie tanzt sich das? Betty Edwards, die berühmteste Zeichenlehrerin der Welt, zeigt uns in der bildenden Kunst, im Portrait malen, Schritte heraus aus den kulturell festgelegten Worten, Symbolen und Bildern hinein in einen freien und selbstbestimmten Umgang mit der Welt. Wie das geht? Über die Einkehr in den sensomotorischen Raum, ins Spüren, Fühlen und Bewegen. Da beginnt für mich der Tanz. Flow, alternative Bewusstseinsebene, alpha oder theta Gehirnwellen, alles Umschreibungen für diese andere Welt, in die wir eintreten, wenn wir unserem Körper lauschen. 

„Wenn du auslöscht Sinn und Klang, was hörst du dann?“ fragt ein Koan aus dem 11. Jahrhundert die buddhistischen Mönche in Japan. Diesem Phänomen auf der Spur ist die Meditationsforschung. Der Herzchirurg Dean Ornish zeigt in den 1990igern, dass Wut, dauerhaft zu Herzschädigungen führt und empfiehlt Meditation anstatt OP. Depressionsforscher arbeiten mit virtuel Realitybrillen, 10 Minuten am Tag eintauchen in eine Traumlandschaften hilft den Erkranken.

In den 1980igern begegneten mir die HKIT. Es war klar, es ging ums Schmelzen und um Gewaltfreiheit  im Tanzunterricht, da hin kommen wir nur, wenn wir lernen uns selbst zu spüren. Da drängt sich der Atem auf und die Forschungen in der Körperarbeit von Elsa Gindler, Anfang des 20. Jhr.. Atem ist Bewegung. Hier entspringt der Tanz. Wie das geht? Das habe ich mit all denen gelernt, die mit mir getanzt haben.

Der Blick zurück in weltweite Tanztraditionen hat mir Räume geöffnet, die über mich hinaus gingen und bis heute finde ich es spannend, bei einem Fest zu Ehren Xangos, einem mächtigen Orixa des afrobrasilianischen Candomble zu sehen, wie überaus weich, zart und liebevoll er seine großen sonnengebräunten Füße auf den weiß gefließten harten Tanzboden des Terreiro setzt. Versunken in eine tiefe  Trance, teta oder delta Gehirnwellen, wer weiß das schon.

Xango, der Gott der Wut, dem germanischen Thor nahestehend, schleudert er Blitz durch die Gegend. Was ist denn da passiert? Mein ganzes Weltbild purzelt durcheinander, stampfen, treten … Rumpelstilzchen und jetzt das? Ein Bewegungsarchetyp auf Abwegen? Butterweich kommt er daher in feuerrotem Kostüm mit Hackebeil …

Morgen erzähle ich dazu mehr, für heute erst mal korrigieren was mein intelligenter Rechner alles anders schreiben wollte als ich und dann drücke ich auf „veröffentlichen“. Das ist auch bitter nötig, meine Flügel müssen sich mal wieder ausspannen. 

 

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