logo_gabriele_fischer.gif
australien.gif
Home  arrow Tanzreisen  arrow Tänze der Traumzeit
Tänze der Traumzeit PDF Drucken E-Mail
Werte Leser und Leserinnen der webdance no 18
unvergessliche australische Tanztage liegen hinter uns und wirken hinein in unseren tänze-rischen Alltag. Eva Maria Braun schreibt mir ein paar Tage nach unserer Reise:

Liebe Gabriele,
heute morgen wachte ich um 6 Uhr auf, mit der Küstenlandschaft von Maningrida in mir. Ich sah sie von oben, und die Landschaft war gleichzeitig die Landkarte meines Körpers. Sie durchzog mich, und ich war sie so wie meine Blutadern in mir ein Netz sind. Und dann legte sich die Küstenlandschaft von hier, diese Marschwatt-, Ebbe- und Flutlandsschaft darüber und es wurde eins. Mein Land indem es fließt, anschwillt und leerläuft, großartigen Meeresboden freigibt zum darübergehen.
Ich weine.
Dankbarkeit und Tränen
Lebendiges Fließen
Heimat.

Der Bewegung von Landschaft und Körper auf der Spur flog unsere Tänzerinnengruppe in zwei wackligen ohrenbetäubenden 8-Sitzer-Maschinen von Jaribu, Kakadu Nationalpark, nach Maningrida, Arnhemland, einem von Aborigines selbstverwalteten Gebiet im Norden Australiens. Unser Flug verzögerte sich um eine Stunde und wir mussten die Maschinen erst einmal wieder verlassen, bis sich die Nebel über dem Liverpoolriver, der in Maningrida in die Arafura See mündet, gelichtet hatten und wir Landeerlaubnis bekamen. Unser Flug offenbarte uns die atemberaubende Deltalandschaft aus der Vogelperspektive.

In Maningrida erwartet uns eine summende, brummende Lagerhalle aus rostigem Wellblech. Die Aircondition ist gerade ausgefallen, also surren nur die weißen Ventilatoren in endlosen Kreisen an der Decke. Um uns herum die Spiritualität eines ganzen Volkes in den Farben der Landschaft. Eine Spiritualität, die zum Greifen nahe ist und mich berührt und bewegt, bis sie schließlich hörbar wird in einem tiefen Summen und Brummen das von den Gegenständen, die sich hier anhäufen, selber auszugehen scheint. Dreamtime. Spirits der Landschaft. Gesichter auf bemalten Stöcken schauen mich an in rot und weiß. Von Termiten ausgehöhlte Äste, hollow logs und Didgeridoos, die eigentlich Yidaki heißen, mit feinen Schraffuren überzogen in ocker, schwarz, weiß und rot.

Mein Mund spürt das unbekannte Holz, ich rieche Fremde, bevor mir das Yidaki in ober- und untertonreichen Klängen von den Kakadus und Kokaburras erzählt, die an seinen Blüten naschten, von den Schlangen, die sich um den Asten gewunden hatten und an ihm empor geschlängelt waren, von der sengenden Sonne und den klaren sternenübersäten eiskalten Nächten. Von schweren Unwettern mit hellen Blitzen und starken Regengüssen, bis das Land überschwemmt war und das Salzwasser vom Meer sich mit dem Süßwasser der Billabongs mischte und dem Land und seinen Menschen den Reichtum an Tieren und Pflanzen be-scherte. Für das unwissende Auge verborgen unter einem auf dem Betonboden gestapelten bunten Haufen sorgsam gefertigter Pandanussmatten taucht so ganz beiläufig die Matte der Mee-reskönigin auf. Sie, die jedes Jahr mit der Flut in die Billabongs des Landes kommt, sich er-neuert und damit den Menschen Fruchtbarkeit schenkt.

Die Frauen verehren sie in einer geflochtenen Matte, die auseinandergefaltet wie ein überdimensionaler Sonnenhut aussieht. Ich halte das Geflecht in den Händen, spüre das Geheimnis das sich mir Stück für Stück auf di-eser Reise lüften wird. Die ganze Lagerhalle um mich herum sirrt, brummt, kreischt, stöhnt, summt von der angehäuften Kraft der spirituellen Erfahrungen vieler Menschen und mittendrinnen ein provisorisches Fotolabor mit einem neuen Rindenbild von John Mawurndjul, das neben anderen Kunstwerken hier zum Ablichten und Katalogisieren bereitgestellt wurde. Dieser weltbekannte Maler aus Maningrida, dem wir unsere Reise zu verdanken haben. An-gelockt von seiner Kunst, sind wir vor 2 Jahren als Tänzerinnengruppe ins Sprengelmuseum nach Hannover gefahren, um dort vor seinen Rindenbildern zu tanzen und Erfahrungen im Dialog mit Kunstwerken und anderen Wirklichkeiten zusammeln.

Heute stehen wir in seiner Heimat, sehen die rote Erde, von der seine Bilder künden. Neben seinen neuen Werken stehen da auch Bilder seiner nicht weniger bekannten Frau Kay Lind-juwanga, wir finden Buschmäuse und Camp Dogs und ein Nest mit Maggpiegänsen von Lena Yarinkura aus Pandanussblättern gearbeitet und mit Adobe bemalt in einem gesonderten Raum in dem die Kunst für die Galerien in aller Welt lagert. Was suchen wir hier? Spiritualität? Kunst? Tanz? Die Verbindung? Den Dialog?

Das Geheimnis der feinen Schraffuren, die sich immer wieder auf den Kunstwerken in Maningrida finden und typisch sind für dieses Land, im Gegensatz zu den Punktmalereien der Aborigines in der Wüste? RARRK nennen sich diese übereinandergelegten feinen Pinselstriche, die von Ritualen und Körperbemalungen schon fast vergangener Tage künden. Dieses feine Flirren und Sirren, hörbar gewordenes Sehen. Wenn sich mein Auge weich einstellt und am Dach des Regenwalds am South Alligator River kleben bleibt, beginne ich zu ahnen, was RARRK sein könnte, wenn die Sonne auf meiner Netzhaut blinzelt un die tropischen Blattformen meinen Sehnerv erregen. Die fliegenden Hunde hängen kopfüber an den Ästen der großen Bäume. Sie mischen sich in ihrem tiefen Schwarz ins Weiß des Kakadugefieders vom Nachbarbaum. Sulfurfarbene hauchdünne Kopffedern brechen das Sonnenlicht in feinstes Gewebe.

Ein Eukalyptusbaum mit heller, glatter Rinde, an dem die großen Vögel wie Trauben hängen. Wie Clowns führen sie mit Schnäbeln und Krallen jonglierend ihre Kunststücke auf. Es riecht streng nach dem Kot der Flying Foxes gemischt mit der Polyrhythmik ihrer Stimmen und dem Sound der Ka-kadus bricht sich das Licht in den Regenwaldblättern ins Unendliche. Die Landschaft mit ihren Tiere und Pflanzen lädt mich auf tausend Kanälen ein auf diese Reise ins Anderswo. Als erstes fühle ich meine Haut bedeckt mit dem hauchdünnen Muster einer Schilfmatte, die das Sonnenlicht in abertausende kleine Rauten bricht, während ich an einen roten Sandstein gelehnt in der Mittagshitze vor mich hindöse. Über mir die weit verzweigten Äste eines großen alten Baums, dessen Wurzeln anfangen, über mich drüber zu wachsen. Der Tanz fin-det auf meinem Körper statt, prägt sich in meine Haut. Lockt mit seinem Rhythmus. Es juckt mich aufzuspringen doch ich warte noch ein Weilchen, spüre meinen Atem kommen und gehen und die Erregung zunehmen, gleich, jetzt gleich ... Das Wasser aus dem Meer schwillt an im South Alligator River. Die Flut kommt und geht in rassantem Tempo. Tiere die von diesem Kommen und Gehen leben. Krokodilie. Kraniche. Fische. Schlammspringer. Ich spüre den feinen Geschmack von gebratenen Barramundi-Fischen auf meiner Zunge. Eine Speisekarte, sagen die Ranger den Touristen aus aller Welt im nahegelegenen Ubirr Weltkul-turerbe, und heben die Hand zu den Fischen und Schildkröten, die da seit Jahrtausenden in Rot, Weiß und Ocker an die Felswände gemalt sind.

Der Unterschied zu unserer Speisekarte ist, dass uns die Tiere, die wir essen, nicht mehr heilig sind, sie gehören nicht mehr zu unserem Dreaming, zu unserem Land, zu unserem Körper, sind nicht mehr unsere Heimat. Entfremdet, vermarktet, gezüchtet, in rauen Mengen geschlachtet, zerstückelt, ausgenommen, konserviert und als Fertigprodukt zubereitet ... Hier in Ubirr können wir erfahren, was es heißt, ein Teil des Ganzen zu sein, hinter der Spei-sekarte das Dreaming eines Volkes. In großen beschrifteten Schautafeln erklärt uns das Gov-ernment des Northern Territory die Welt. Touristenströme. Spanisch, Französisch, Amerika-nisch, Japanisch. Fotoapparat. Klick und weg. Der Bus ist abgefahren. Es wird still. Das Licht bricht sich weiter in den Mustern des Landes und lädt Haut und Haare ein, das Geräusch von Grenze zu hören. Zwischen kommen und gehen, genau dort, wo es überzufließen beginnt und die Räume vielfältig ineinander übergehen. Dreamtime. Zum Abschluss meines Tanzberichts aus Australien noch einmal Eva Maria Braun, eine von uns 12 Tänzerinnen, die auszogen dem Dreaming auf die Spur zu kommen:

Am Samstag nach Australien habe ich für meine Freundin getanzt. Ich habe an mein Was-serfallerlebnis gedacht, das ich auf der Rückfahrt vom Festival in Beswick dort am Wasser-fallsee hatte. Mit dieser Frau verbinden mich die Tränen. Sie hat einen Sohn durch Selbstmord verloren, hat ihre Heimat verlassen...., Scheidung....soviel Schmerz .... Sie hat sich so über meinen Tanz gefreut! Mein schönes Kostüm vom Friedenstanz half mir dabei. Und zwei Frauen kamen danach auf mich zu und fragten, wo sie das lernen können ... Herzliche Umarmung an dich!! Deine ermutigenden Worte waren der Tropfen, der meine Energie in die andere Richtung, dem „Ich will...” wieder nach vorne mit Ziel, fließen ließ.

Es war genau wie das Fluterleben am South Alligator River: nach langem Warten, wo nichts Sichtbares passierte, schwoll das Wasser auf einmal rasant schnell an und strömte in die entgegengesetzte Richtung. Gegen den Strom. Vom Meer aus gesehen floß es mit dem Meer.


Mit diesem Zitat von Eva-Maria Braun endet mein erster Reisebericht aus Australien. Diese bewegende Reise wird ihre Kreise in der HKiT®-Arbeit ziehen, da bin ich mir sicher und die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern, dass da eine Australienperformance nicht mehr weit sein kann.
 
< zurück   weiter >