logo_gabriele_fischer.gif
inmuedersstuebele.gif
Drei Frauen, Angles sur l'Anglin,
Abb. aus Weib und Macht,
Frankfurt 1980
Home  arrow Veröffentlichungen  arrow In Mueders Stübele. - Vortrag
In Mueders Stübele. - Vortrag PDF Drucken E-Mail

Rede von G.F. gehalten Walpurgis 2000 in Inzmühlen

In Mueders Stübele
Volksweise aus dem Breisgau

In Mueders Stübele, do goht der hm, hm, hm,
in Mueders Stübele, do goht der Wind.

Mueß fast verfriere vor lauter hm, hm, hm,
mueß fast verfriere vor lauter Wind.

Mir wollet bettle gohn, es si üs hm,hm,hm, (es sind unser)
mir wollet bettle gohn, es si üs zwei.

Du nimmsch'n Bettelsack und i dr hm, hm, hm,
du nimmsch'n Bettelsack un i dr Korb.

Du stohsch vors Läderli un i vor d'hm, hm, hm,
du stohsch vors Läderli un i vor d'Tür.

Du kriegscht e Weckerli (Brötchen) un i e hm, hm, hm,
du kriegscht e Weckerli un i e Bir (Birne).

Du stecksch dr Speck in Sack un i dr hm, hm, hm,
du stecksch dr Speck in Sack un i dr ank (Butter).

Du seisch: "Vergelt is Gott!" un i sag hm, hm, hm,
du seisch: "Vergelt is Gott!", un i sag Dank.

 

Ein Lied aus meiner Kindheit mit dem ich Gäste und AkteurInnen zum Walpurgis Heilkünsteforum 2000 willkommen heiße und ein Lied, das uns Mitten hinein führt in das Thema dieser Tage: VAGINA.

Da mag sich manch eine denken: W i e? W a s? Das ist doch kein Willkommenslied, In Mutters Stübele, und wo hat dieses Bettellied aus dem Breisgau was mit VAGINA zu tun?

VAGINA, das hat ja etwas Verborgenes, da zwischen den Schenkeln und innen. Es gilt, die Zeichen zu deuten. Symbole: Der Maibaum mit seinem Kranz, an dem Würste und allerlei Essen hing, jedenfalls noch, als ich ein Kind war. Symbolik für Lingam und Yoni. Die Vulva in ihrer Verbindung zum Uterus, dem Gral, den die Ritter der Tafelrunde einst verloren haben. Das weibliche Geschlecht, Symbol für Fülle, Reichtum, Glück: das Füllhorn, oder auch das Tischlein-deck-dich.

Und hier sind wir wieder voll im Liedtext. Beim Speck und den Würsten, der Butter. Es geht um Schweine und Kühe, Brot, und Früchte. Und da gibt es einen Sack und einen Korb, in dem sich die guten Gaben sammeln. Vagina, Uterus, Vulva, Yoni. Der Schlüssel zu Reichtum und Glück? - B i t t e n u n d D a n k e n.

So wird dieses Bettellied (betteln kommt von bitten) zur Anleitung im Umgang mit den Gaben der großen Mutter, die wir finden, wenn wir uns, der Dynamik des Windes folgend, aus Mutters Stübele herausbewegen, hinein in die Welt.

Mutters Stübele, das könnte auch die Gebärmutter sein, aus der heraus uns eine größere Gewalt (der Wind) treibt, mitten hinein ins Leben, in dem die Gaben der großen Mutter: Kühe, Schweine, Getreide, Früchte auf uns warten, wenn wir der Ordnung folgend: B i t t e n u n d D a n k e n.

Eine wenig gepflegte Kunst im Informationszeitalter, im Umgang mit PC und Internet. B i t t e n u n d D a n k e n.

Ich erinnere ein Märchen, das von der Bitte nach dem Regen goldener Taler berichtet. Der Wunsch wurde erfüllt. Er endete tödlich, die Taler waren hart und erschlugen den Wünschenden. Wünschen will gekonnt sein!

Aber auch das Danken will gekonnt sein. Eine indianische Mythe berichtet, wie ein junger Jäger vergaß, den Tiergeistern nach erfolgreicher Jagd angemessen zu Danken, es werden traditionell Türkise in die Nüstern der toten Tiere gelegt, der Jäger entfernt sich von dem toten Tier und lässt den Geistern ihre Zeit, das tote Tier zu verlassen. Der fehlende Dank des jungen Mannes brachte die soziale Ordnung des Stammes so sehr durcheinander, dass dem jungen Mann keine andere Wahl blieb, als eine Reise zum Sonnenvater in die andere Wirklichkeit anzutreten, um die lebensnotwendigen Türkismuster in der anderen Welt wieder neu zu ordnen und so Unheil und Schaden von dem Stamm abzuhalten.

Lebensnotwendige Ordungen auf den verschiedenen Ebenen unseres Bewusstseins, geregelt durch B i t t e n u n d D a n k e n.

Die Walpurgisfeier ist so ein Fest unserer Ahninnen zur sozialen und spirituellen Ordnung der Jahreskräfte.

Folgen wir der Dynamik dieser Walpurgistage hinein in Lieder, Installationen, Vorträge, Bilder, Tänze, Gespräche rund um VAGINA, ein Thema, das zum Ausufern einlädt, ein Thema, das künstlerisches Schaffen bereits in der Steinzeit beflügelte. Und ein Thema, das weltweit nach Heilung schreit, denken wir an die Vaginaverstümmelungen in afrikanischen Ländern und bei uns?

Bis vor wenigen Jahren gab es das Wort Klitoris in keinem Anatomiebuch. Was macht das?

Freud stand auf den vaginalen Orgasmus und lehnte den klitoralen Orgasmus als Unreife ab. Was macht das?

Und ist jeder Dammschnitt bei einer Geburt vertretbar? Was macht das?

Vagina, ein Thema, das bei uns mitten hinein führt in die Begegnung von Kunst und Heilung. Kann Kunst heilen? Neueste Forschungen im Bereich der Bildenden Kunst und in der Musik bestätigen: Kunst heilt auf vielen Ebenen, im aktiven schöpferischen Prozess ebenso wie im Hören, Sehen, Schmecken und Riechen.

Treten wir also ein in den Heilungsraum Walpurgis, den uns die Künste öffnen.

Ich wünsche uns eine s e h r lustvolle Zeit in der Begegnung von Kunst und Heilung und eröffne hiermit das Heilkünsteforum zu Walpurgis 2000.

 
< zurück   weiter >