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ÜBERGÄNGE. - Vortrag PDF Drucken E-Mail
Rede von Gabriele Fischer zur Ausstellungseröffnung von Dorothea Schrade 31. Okt. 1999,
Europäisches Frauenforum Illereichen


Malerin der Fülle, des Überflusses der Lebendigkeit, Dorothea Schrade. Und immer wieder Menschen, Tiere, Blüten - Mohn. Mohn, die Pionierpflanze, die Pflanze des Aufbruchs und Neubeginns. Mohn, die Pflanze des Hades. Süßes Vergessen, Schlaf, Heilung und auch Tod. Mohn, rasselnde Samenkapseln begleiten den Tanz ins Leben, in den Tod.

ÜBERGÄNGE.
Warum hat Dein Mohn Augen, frage ich Dorothea Schrade. Damit er etwas sehen kann, ist ihre Antwort. Dorothea Schrades Bilder, die mich lehren, mit den Augen des Mohns zu sehen. Augen, die mich aus tiefen Räumen anblicken. Mensch und Natur durchdringendes Bewusstsein von Schöpfung. Auge Gottes. Augen des Mohns gewachsen aus dem Kniegelenk des Pferdes darunter das Auge des Walfisches, aber auch das Auge der Malerin. Räume, Schichten aufgebaut im Malprozess. ÜBERGÄNGE. Schichten, Geschichten, Geschichte. Dorothea Schrades Bilder. Geschichten, die sich heraus aus der Urzeit aufschichten.

Bilder mit Hintergrund. Bilder mit räumlicher Tiefe. Gekonnt eingesetzte malerische Mittel, die h i n t e r die Dreidimensionalität von Raum verweisen. Hinweis auf Zeit-Räume während noch die Blüten und Fruchtstände des Mohns dem linearen Zeitverstehen entsprechen: von der Geburt bis zum Tod, führen die Augen des Mohns in die Verbindung von Zeit mit Raum, in ein vierdimensionales Raum-Zeit integrierendes Bewusstsein. Wiedervereinigung von Schöpfer und Geschöpf, mit den Augen des Mohns. ÜBERGÄNGE. Heute wird die Uhr umgestellt. Die Relativität unserer Zeit wird offenkundig. Allerheiligen, Allerseelen liegen vor der Tür. Wir gedenken der Toten, des Todes. LebensZeitRäume, ÜBERGÄNGE. Mit den Augen des Mohns betrachtet sind diese Übergänge, Pforten in eine andere Ebene. Dem Blick des Mohns folgend öffnet sich in dieser Jahreszeit ein neuer Raum: Das Paradies, das Fegefeuer, bei den Griechen der Hades, das Totenreich. In früheren Schichten die Unterwelt, die Anderswelt. Alte Kulturen wie die Hopi, die Tewa und Tiwa Indianer in Neu Mexiko stellen sich die Welt bestehend aus drei oder vier übereinandergelagerten Schichten vor. Sie leben heute auf der obersten Schicht, während ihre Vorfahren mit einer Leiter aus der darunterliegenden Schicht heraufgestiegen sind.

Der Tod führt zurück zu den Ahnen in die untere Welt, die einem Spiegelbild der oberen Welt gleicht mit Bäumen, Flüssen, Seen, Menschen, Sonne und Mond. In unserer Kultur führte einst die Holla oder auch die Percht als Totenbegleiterin auf ihrem Schimmel die verstorbenen Seelen zurück in den Schoß von Mutter Erde. Die Lichter in diesen Tagen in Kürbissen und Laternen der Kinder, auf Gräbern und Wegkreuzen erinnern an den Lichterzug der toten Seelen über das Land in die Unterwelt. Jedes Jahr wieder. Mythen, Geschichten, Schichten. Ein geschichtetes Weltbild, das ÜBERGÄNGE zu Bildern werden lässt. Unterwelt, Leben und Tod. Heilkräfte, Arzneien, Medizin. Dorothea Schrades Großvater war Apotheker hier in Iller- eichen. Die Kunde von Kräutern und Pflanzen, verarbeitet zu Mitteln und Mixturen, weitergegeben durch Dorothea Schrades Mutter weckte das Interesse der kleinen Dorothea.

Unter den Augen des Mohns schichten sich Erfahrungen ihres Lebens über die Stunden mit der Mutter auf Kräuterwegen. Mohn auch am Wegesrand auf Dorothea Schrades Fahrt zur Kunstakademie. Mohn den sie pflückt und malt - Anfänge. Mohn der mitten im atomaren Regen der Tschernobylkatastrophe steht und blüht. Mohn, der Dorothea Schrade begleitet, unterstützt und trägt in ihren Pioniertaten: Die Missener Werkkurse Die Winterakademien im Neuen Schloss Kisslegg Die Galerie Schloss Mochental Das europäische Frauenforum Illereichen. Antworten einer Künstlerin auf die geistigen, kulturellen und damit auch politischen Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts.

Aufgabe der Kunst, der Künstler ist es, die geistigen und seelischen Veränderungsprozesse aufzuspüren und sichtbar zu machen. Kunst, Initiatorin aber auch Beispiel des sich jeweils vollziehenden gesellschaftlichen Wandels. Mit den Augen des Mohns sehen heißt Verantwortung tragen als Mensch, als Malerin, als Künstlerin für das anbrechende neue Jahrtausend. Dorothea Schrades Bilder sind Wegweiser: Mit den Augen des Mohns in die Urzeit blicken, dabei gleichzeitig auf die Uhr schauen und wissen, welche Stunde es geschlagen hat. Nur ein Wandel in Verständnis und Umgang von Raum und Zeit, Schöpfung und Materie wird uns im dritten Jahrtausend weiterbringen. Mit den Augen des Mohns zeigen sich künstlerische Wege in die Bewältigung lokaler und globaler Krisen.

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Erst das Grün macht das Rot wirklich rot, sagt Dorothea Schrade. Die Malerin setzt dem Rot des Mohns ein Grün entgegen. Komplementärfarben. Rote, braunrote Flächen im Grün öffnen dem Rot den Weg. Daneben Violett als weitere Verbindungsfarbe. Die reine Farbe wird vorbereitet in der Fremdfarbe. Rot in Grün. So fällt das Rot nicht heraus aus dem Grün, es behält seine Eigenständigkeit. Individualität und Gesellschaft. Antworten einer Malerin auf die Herausforderung des neuen Jahrtausends.

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Wenn Günther Ücker sagt: Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich, welcher den Menschen zum bewahrenden Handeln aufruft. Kommt mir das Treffen von Künstlerinnen aus verschiedenen exjugoslawischen Ländern im Jahr 2000 hier in Illereichen in den Sinn. Die Arbeit an einem Gesamtkunstwerk. Die gemeinsame Tournee durch Deutschland. Bewahrendes Handeln. Ein Projekt Dorothea Schrades, das von diesem Dialog mit den Mitteln der Kunst kündet, von dem Ücker spricht. Kunst kommt von können aber eben auch von künden.

ÜBERGäNGE, das können Brücken sein. Brücken nach Russland. Deutsche und russische Wissenschaftler, Politiker, Künstler, Manager, Frauen und Männer treffen sich auf Einladung von Dorothea Schrade im Rahmen der Illereicher Dialoge 2000. Kunst, die in Zusammenhängen denkt. Kunst, die, wie Joseph Beuys es 1972 fordert, vernetzendes, verantwortliches Handeln ins Zentrum ihrer Visionen rückt. Beuys verlangt Mitdenken, Mitformen im gesellschaftspolitischen Raum und versteht dies als fließenden, wandelbaren und daher auch heilsamen Prozess. Anfänge. Dorothea Schrade plant weitere Illereicher Dialoge zwischen Deutschland und den USA, Japan ... ÜBERGÄNGE von Rot in Grün, Feinden zu Freunden, Ost nach West, Politik und Kunst.

ÜBERGÄNGE mit den Augen des Mohns, das können Brücken sein oder Leitern, Regenbögen, Stege, Wege, der Fährmann, der Fluss Stix.

ÜBERGÄNGE in andere Wirklichkeiten, in das Totenreich. Bevor es Brücken und Fähren gab, waren es Tiere, die Übergänge schufen. In unseren Mythen Enten, Gänse und Fische. Heute noch als Martinsgans und Weihnachtskarpfen lebendig. Hänsel und Gretel gingen einst nicht in den Wald, sondern wurden von Enten ans andere Ufer gebracht. Eine Gans, die in die Sibyllenhöhle unter der Teck bei Owen geschickt wurde, und dann in Gutenberg wieder auftauchte, Zeichen der Passierbarkeit der Welt der Sibylle, der Unteren Welt. Auch in steinzeitlichen Höhlen immer wieder Abbildungen von Fischen, die Übergänge ermöglichten, noch in der Bibel Jonas der Prophet, dem ein Walfisch hilft, Übergänge zu finden. Mit den Augen des Mohns öffnen sich ÜBERGäNGE für zentrale Themen unserer Zeit, aber auch im ganz persönlichen Lebensvollzug. Mohn, die Pionierpflanze, die Pflanze von Aufbruch und Neubeginn. Mohn, Pflanze des Hades. Süßes Vergessen, Schlaf, Heilung und auch Tod. Mohn, rasselnde Samenkapseln begleiten den Tanz in den Tod, ins Leben.

ÜBERGÄNGE - gehen wir sie jetzt, heute mit den Bildern Dorothea Schrades.

Literatur Joseph Beuys, Jeder Mensch ein Künstler, in: Gespräche auf der documenta 5, 1972, Hrsg. Bodemann-Ritter, Frankfurt a.M. 1977 Dr. Walter A. Koch, Der Sagenkranz um die Sibylle von der Teck, Sonderdruck aus der Teck-Rundschau Jahrgang 1951, Nr. 293, 297, 300 Marie König, Am Anfang der Kultur, Die Zeichensprache des frühen Menschen, Zweitausendeins, Frankfurt a. M. o. J. Alfonso Ortiz, The Tewa World, Space, Time, Being and Becoming in a Pueblo Society, The University of Chicago Press, Chicago 1969 Hans-Otto Thomashoff und Dieter Naber, Psyche und Kunst, Schattauer Verlag, Stuttgart 1999
 
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