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Nur das Verhüllte bewahrt seine Kraft. - Vortrag PDF Drucken E-Mail
Eröffnungsrede von Gabriele Fischer zur Gründung des Heilkünsteforums 1999 Inzmühlen, 3. September 1999

Nur das Verhüllte bewahrt seine Kraft.
Dieser Satz beschäftigte mich die letzten Wochen auf meiner Neufundlandreise, eine Reise, die gleichzeitig eine Begegnung mit der Malerin Dorothea Schrade war und die Vorbereitung zum ersten Heilkünsteforum in sich trug:
N E U - F U N D - L A N D.

Verhüllt zeigt sich mir ein Land, seiner Leute beraubt. Die letzten beiden Indianerinnen starben vor 100 Jahren schwer erkrankt. Kein Ortsname, keine Flurbezeichnung, kein Berg erinnert an sie. Verhüllt zeigt sich mir ein Meer, das keine Fische mehr hat. Fischfabriken vor 10 Jahren noch intakt, heute weg, verschwunden. Wir enthüllen diese Welt, berauben sie ihrer Geheimnisse - ein lächerlicher Gedanke angesichts der gewaltigen Natur hier im äußersten Osten des großen Kontinents Amerika. Wir töten die Indianer, wir rotten die Tiere aus, das Geheimnis aber enthüllen?

Mit jeder Schicht, die wir diese Welt enthüllen, offenbart sich eine neue Schicht. Geschichte wird. Schichten und Geheimnisse in
H ü l l e ... & eben in F ü l l e. Da taucht mit ein Ausstellungsbesuch in Bottrop vor meinem Abflug auf: Christo & Jeanne Claude. Die Verhüllenden. Der verhüllte Reichstag. Kunst, die Bedürfnisse ihrer Zeit spiegelnd. Soll hier durch neu erdachte Hüllen das Geheimnis gewahrt gwerden und wenn ja, dann welches? Welches ist das Geheimnis, das die Kunst zu wahren hat und welche Hülle vermag es - das Geheimnis zu wahren? Jeanne Claude spricht von der Notwendigkeit der Flüchtigkeit in der Kunst. Kunst vollzieht sich für sie im schöpferischen Prozess. Ist der Reichstag verhüllt, sind die Baseler Bäume eingepackt, hat die Kunst das ihre getan. Die Hülle kann wieder weg und das Geheimnis? Das Geheimnis war doch nicht der Reichstag, der Baum? Jeanne Claude und Christos enthüllende Verhüllungen weisen auf die Aufgabe der Kunst hin, aufmerksam zu machen auf das Geheimnis.

Ich wage es einmal, die Kunst als Lehre von dem Geheimen zu bezeichnen. Kunst als Geheimlehre. Geheim, das klingt nach daheim, zu Hause sein. Liegt das Geheimnis, das die Kunst lehrt, in dem Wissen, wo ich daheim bin? Nun bin ich an der Grenze der Kunst zum Heiligen angelangt. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wohin gehöre ich? Eine heilige, eine spirituelle Frage. Die Verbindung der Kunst mit dem Heiligen wird enger, ja untrennbar, verfolgen wir sie zurück über die Jahrhunderte, Jahrtausende. Die Religionen versuchen durch Hüllen das Geheimnis des Heiligen zu wahren. Das Heilige, das das Heil bringt, das heilt. Meine Großmutter sprach von ihrer Sehnsucht, endlich daheim zu sein, sprach von der Vereinigung mit dem Heiland, die im Tod liegt. Ihre wahre Heimat war das Paradies. Meine Großmutter eine schwäbische Mystikerin?

Denn eben die Mystiker suchen über die Vereinigung mit Gott ihr Heil. Hildegard von Bingens Bilder und Texte, Meister Eckehards Lieder, die Tänze der Derwische, spirituelle Suche nach Gott:

G o t t das gleißende Licht
das nicht Schaubare
das sich im brennenden Busch offenbarende Lebensfeuer Moses
G o t t das Geheimnis.

Kündet Kunst von diesem Geheimnis? Sind der Kunst ihre tausend Zungen gewachsen, um dieses Geheimnis zu verhüllen oder es zu enthüllen? Kündet Kunst von Heilung? Im Verhüllen und Enthüllen liegt Bewegung, das gefällt mir Tänzerin. Der riesige orientalische Markt in Marrakesch kommt mir in den Sinn: Gerüche nach Kreuzkümmel, Orangen und Kamelmist. Rufen, klappern, plappern, trappeln, ziehen, schleifen, schlurfen. Pyramiden aus Gewürzen, aus Blumen, aus Früchten. Orange, Rot, Gold. Ich versinke in der Pracht der HERRlichkeit und da ein Winken, eine Handfläche, die sich unent w e g t hin und her b e w e g t, ich bleibe stehen, einladende freundlich lächelnde Augen: Komm, greif zu. So, genau so ist mein Tanz, zeigt sich mir als Tänzerin Kunst: Ein b e w e g tes,b e w e g endes Schwelgen in der Fülle. Sinnenrausch für Augen, Nasse, Mund und Ohren. Körperliches Erleben oder der Körper als W e g ins Leben - Tanz.

Die Sinne erweckend fallen die Hüllen. Schreibe ich in Neufundland und frage mich, ob das wirklich neu ist, was ich da finde in diesem fremden Land am Meer. Die Sinne erweckend fallen die Hüllen nur, um neue Hüllen sichtbar zu machen. Ingeborg Bachmann schreibt: Das Sichtbare braucht das Unsichtbare, um von ihm aus erkannt zu werden. Liegt die Aufgabe von Kunst darin, das Unsichtbare zum Heil der Menschen sichtbar zu machen durch, ja nun, durch was? Durch Verhüllung? Durch Enthüllung? Auf jeden Fall geht es darum, das Geheimnis des Glaubens unberührt zu lassen. Es gilt, das Heilige zu wahren im Enthüllen des Geheimen. Das Enthüllen wird zum Verhüllen. Das Geheimnis des Lebens lässt sich nicht enthüllen. Im Tanz, in der Malerei, im Wort, im Text, im Bild, in der Musik, im Gesang ... in der Kunst bewahren wir das Geheimnis des Lebens, indem wir es neu einfüllen schreibe ich und meine doch einhüllen: Hülle & Fülle. So kündet Kunst von einem fülligen Geheimnis, dessen Kunde wo sie ankommt von der Hei-mat erzählt. Der Ruf Hei, Hei, in vielen Volksliedern abgewandelt zu Hei-sa oder Hei-dideldei verlockt mich, das Hei von Geheimnis hineinzustellen in eine heitere Leiter von

Hei Heisa Hei Hei Heim,
heilig und heil Hei Heiland,
die Heiden ...
Hei Heisa Hei Hei dideldidei

Diese Betrachtung über die Verbindung von Kunst und Heilung im enthüllenden Verhüllen stelle ich dem Heilkünsteforum als Wegegeleit zur Seite, wenn ich heute das erste Heilkünsteforum hier in Inzmühlen eröffne. Möge dieses Forum und alle ihm folgenden dazu beitragen,

das Nichtsichtbare h ö r b a r,
das Nichthörbare f ü h l b a r,
das Nichtfühlbare r i e c h b a r,
das Nichtriechbare l e b b a r zu machen.

Ich wünsche allen Teilnehmenden und Kündenden, dass sie mit der Kunst des Verhüllens und Enthüllens, dem Geheimnis des Lebens, ihres Lebens, ein Stück näher geraten, die Kunde von dem Daheim vernehmen in Tanz, Bild, Text, Installation und den Segen des heilenden Heiligen mit heim nehmen. Nein, nicht der Sieg soll unser Heil sein, sondern das Gänschen. Mit dem "Heile, heile Gänschen" der goldenen Gans, dem Krafttier dieses Platzes, eröffne ich das erste Heilkünsteforum hier in Inzmühlen und wünsche Hei Heißa hei hei!
 
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