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Leben mit den Orixá - Vortrag PDF Drucken E-Mail
Vortrag 15. Juli 06, XX-Jahrfeier HKiT Tagungszentrum Inzmühlen

a. Einführung
Videoaufzeichnung Tanzzyklus von Oxum, Terreiro Tun Gbesi, Bahia DVD aus: Esther-Messmer-Hirt, Lilo Roost Vischer, Rhythmus und Heilung, Lit Verlag Münster 2005

b. Während des Vortrags
Fotoschleife Videobeamer, Brasilienreise G.F. Sept. 2006 mit folgenden Themen:
1. Hafen, Küste, Fischmarkt, Schiffe, Salvador da Bahia und Morro de Sao Paolo - Jemanja, die Königin der Meere
2. Tropische Vegetation, Früchte, Bäume, Natur, Bahia - Ossain, der Naturkundige
3. Fest im Terreiro Casa Bianca, Salvador - Oxalá, der Alte
4. Höhlen und unterirdische Flüsse in den Carpata Diamantinas - Nana Buruku, die Alte
5. Wasserfälle bei Lencóis- Oshum, die Schöne
6. Museum Salvador da Bahia - Exú, der Herr der Kreuzungen, Omulu, der die Welt mit Wunden schlägt, Yansa, die Röcke voll Wind, Oxossi, Nervosität ist erlaubt u.a.
7. Statuen auf dem See in Salvador da Bahia - Xango, Oxumaré u.a. -
8. Brasilianischen Freiheitssäule im Park in Salvador da Bahia - Cabodos, indianische Geister des Landes

c. Arbeitsblatt zum Vortrag
  • Karte Portugal-Südamerika-Afrika
  • Bund der Balangandas
  • Liste der Orixá nach Christiane Pantke Favelas, Festas e Candomblé, Ketsch bei Mannheim 1997

These

Es gibt einen Geheimcode an Bewegungswissen aus matriarchalen Traditionen, der Frauen in patriarchalen Strukturen stärkt, wenn sie Bauchtanzen oder mit den Orixá tanzen.

Auf Spurensuche

Als ich vor 20 Jahren als Bauchtanzende mit den Orixá in Kontakt kam merkte ich zu meiner Überraschung sehr schnell, dass ich hier mein Bewegungswissen des Bauchtanzes, das für Frauen so unglaublich wohltuend und segensreich ist, ergänzen und erweiteren konnte. Ungeahnte Türen in Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen taten sich für mich und die Frauen mit denen ich arbeitete, im Tanz auf. Nana Buruku, Jemanja, Yansa und Oshum waren die Renner, was ich auch immer wieder in den Tanzbüchern der HKiT® dokumentieren konnte.

Ob im Tanzbuch Die heilende Tänzerin von 1995 oder im Tanzbuch Die roten Schuhe von 2002, die Orixá haben sich bewährt und sind fester Bestandteil unseres Tanzrepertoirs geworden und das mit gutem Grund. Sie kennen zu lernen und mit ihnen zu tanzen heißt weibliche Vorbilder finden, die sich anziehen lassen wie ein Kleid oder ein Paar Schuhe. Über die Bewegung, den Tanz erfahren die Tänzerinnen mit jedem Mal ein Stück mehr, was es heißt, Frau zu sein. Die kollektiven Lebensweisheiten jahrtausendealter afrikanischer Frauenkulturen vermitteln sich über den afro-brasilianischen Candomblé. Diesen Orixá einer fremden Welt und ihrem Geheimnis auf der Spur reise ich im September 2005 nach Brasilien.

Orixá sind keine Götter

Aber, was sind sie dann? Orixá sind kollektive Kräfte die den Menschen helfen, ihr Leben besser zu meistern. Sie sind da, wenn wir sie brauchen um uns mit Rat und Tat hilfreich beiseite zu stehen. Deshalb gibt es auch keine ängstlichen oder zögerlichen Orixá. Obwohl sie ja menschliche Eigenschaften haben, verkörpern sie immer Kräfte, niemals Kraftlöcher.

Sie zeigen sich im Tanz und folglich sind die Filia de Santo, die Töchter der Heiligen, gute Tänzerinnen, wie wir in dem Videoausschnitt sehen konnten. Doch an diesem Videoausschnitt wird eines auch sehr schnell klar, diese Tänzerinnen bewegen sich, wie wir das niemals tun werden. Sie sind in einer anderen Kultur aufgewachsen. Ihre Bewegungen erzählen von einer ganz anderen Lebensgeschichte als die Bewegungen einer Mitteleuropäerin, die in Stuttgart oder Hamburg geboren ist.

Jemanja, die wichtigste von allen

Im Candomblé, dem afrobrasilianischen Kult der Orixá begegnen wir Bewegungen, die von Afrika berichten, dem Heimatland der Orixá. Sie wurden mit den 5 Millionen Sklaven in 5 Jahrhunderten von Afrika nach Amerika verschifft. Wen wundert es da, dass Jemanja die wichtigste der Orixá in Brasilien ist? Von ihrem Wohlwollen hing es ab, ob die Menschen heil übers Meer kamen. Es waren viele, die den Tod fanden auf dem Meer oder an Seuchen und Entkräftung auf den Schiffen elend zugrunde gingen und später auf den Zuckerrohrplantagen ... das Leben der Sklaven war kurz und unglaublich hart. Kein Wunder, dass die Küste in Bahia mit großen und kleinen Jemanja Statuetten geschmückt ist und in Salvador gibt es einen Jemanja Platz am Strand.

Hier treffen sich die Fischer. Hier her kommen die Menschen, um Jemanja Blumen ins Meer zu werfen. Rote Rosen oder weiße, gelbe, je nach Wunsch, der mit dieser Gabe verbunden wird. Es erfordert einiges Geschick, die Sträuße so ins Meer zu werfen, dass sie nicht gleich wieder an den Strand gespült werden, sondern mit den Wellen ins Meer hinaus gelangen. Da das Candomblé bis 1888 verboten war und nur als Geheimkult praktiziert werden konnte und alle Sklaven einer Zwangstaufe unterzogen wurden, gab es früh den Schutzmantel der katholischen Heiligen, den die schwarzen Sklaven über ihre Orixá warfen, um unerkannt zu bleiben.

Jemanja steht für Mutter Maria und sieht auch oft wie eine Marienstatuette aus. Die Vermischungen der Kulte sind unübersehbar. Die Karte zeigt, wie groß Brasilien ist und wo es auf dem Südamerikanischen Kontinent zu finden ist. Ziemlich genau gegenüber den Ländern, von denen Millionen von Sklaven verschifft wurden. Das überaus kleine Portugal ist zu sehen, das in seinen kolonialistischen Bestrebungen diesen gigantischen Menschenhandel in Gang gesetzt hat und gut daran verdiente.

Die Bucht aller Heiligen

Die Bucht vor Salvador da Bahia heißt dann auch Bucht aller Heiligen. Hier landete der Großteil der Sklaven aus Afrika und der Reichtum der einst portugiesischen Hafenstadt, die stark an Lissabon erinnert, ist an den stattlichen Gebäuden aus den Sklavenhaltertagen nicht zu übersehen. 1888 wurde die Sklaverei offiziell in Brasilien abgeschafft und als erstes wurden leider alle Unterlagen über den Schandfleck des Landes euphorisch beseitigt. Damit sind wichtige historische Daten vernichtet worden. Auch heute leben im Bundesstaat Bahia die meisten schwarzen Brasilianer, d.h. es herrscht der niederste Bildungsstand und die größte Arbeitslosigkeit und Armut.

Auf meinen Fahrten übers Land sah ich viele sehr kleine Häuser am Rand der Straße in denen die Nachkommen der Sklaven mehr schlecht als recht überleben. "Onkel Toms Hütte", muss ich oft denken. Die Menschen aus diesen Hütten bieten auf metallisch glänzenden Tabletts den vorbeifahrenden Autos tuffiges weißes Popkorn in Plastiktüten an. Würden die Autos anhalten, wäre dabei ein gutes Geschäft zu machen. Popkorn, da war Omulu, Haut nah spüre ich seine Gegenwart in den ausgestreckten Armen der Menschen am Straßenrand. Omulu, Orixá der Klage und der Heilung.

Orixás auf Schritt und Tritt

Ich stehe an einem See in Salvador da Bahia, mitten in der Stadt. Vor mir, von Wasser umgeben, überlebensgroße Statuetten der Orixá. Buntes Zeugnis des afrobrasilianischen Kultes. Der See umgeben von ein paar gewaltigen Urwaldbäumen, Überbleibsel der einst grenzenlosen Wälder in denen die Eroberer vor 500 Jahren noch stecken blieben auf ihrer Jagd nach den Indios. Heute hat das Meer der Bäume dem Meer von Hochhäusern Platz machen müssen. Laute städtische Autostraßen um die Orixá herum. Die Orixá gehören in Salvador da Bahia einfach dazu. Wenn auch unsere deutsch sprechende örtliche Führerin sehr wenig von ihnen weiß. Ihr Vater war nach dem 2. Weltkrieg aus Deutschland eingewandert.

Sie hatte Deutsch an der Uni in Bochum gelernt und kommt aus dem Süden Brasiliens, dort wo das Klima gemäßigter ist und sich viele Weiße angesiedelt haben. Die Terreiro, die Orte, an denen die Orixá verehrt werden und die von einer Mae geleitet werden, liegen mitten in den armen Wohngebieten der Stadt oder direkt am Flughafen Salvadors. Allerdings braucht es einen Baum, einen Bambus, ein Stück Natur, um die Orixá zu verehren und das wird im großstädtischen Salvador immer weniger möglich, die Terreiros sind oft noch die einzigen grünen Inseln in dem Häusermeer.

Unmenschliche Sklaverei

Doch zurück zu meiner Eingangs gestellten Frage, was ist das Besondere an den Orixá? Weshalb haben sie so eine Wirkung auf mich und auf die anderen Tänzerinnen? In Brasilien wird mir schnell klar, dass es sich hier um einen Tanz handelt, der den Frauen, die über 500 Jahre als Sklavinnen ohne jegliche Rechte lebten, dass dieser Tanz den Frauen alles gegeben hat, was sie zum Überleben brauchten.

Die Schwarzen hatten nicht das Recht in Familien zusammen zu leben. Sie wurden von den Menschen aus ihrem Dorf, ihrem Stamm, ihrer Heimat getrennt. Ohne jegliche soziale Bezüge gehörten sie ihrem Sklavenhalter, der alles mit ihnen machen konnte, was er wollte und ich brauche an dieser Stelle nicht auszuführen, was Männern einfällt, wenn sie im Besitz von schwarzen Frauen sind, deren Schönheit und Sinnlichkeit bis heute unübersehbar ist in den Straßen Salvadors. Es gibt in Bahia zwar eine Kirche für die Sklaven, es gibt aber keinen Friedhof, obwohl die Sklaven getauft wurden.

Selbst noch im Tod wurden sie schlechter behandelt als ein Hund, man warf sie einfach auf den Müll. Erschütterung ist nicht das richtige Wort. Entsetzen, vielleicht, Grauen, das mich beschleicht, wenn ich die alten Kopfsteinpflasterstraßen in Salvador hinauf und hinunter gehe. Am ehemaligen Sklavenmarkt vorbei, an der Jesuitenkirche, die die Sklaven mit reinem Gold ausgeschmückt haben. In den Gesichtern der Heiligenfiguren an den Wänden findet sich die eindeutige Handschrift von afrikanischen Bildhauern wieder.

Wie konnte das Leben heute einfach so weiter gehen, wie konnten die schwarzen Mädchen auf der Straße vor der Kirche so ausgelassen lachen und sich freuen, nach dem was da geschehen war? Die schwarzen Frauen lebten und arbeiteten in den weißen Familien, das wird besonders deutlich an der Tanzkleidung im Candomblé, die sich von der in Afrika doch erheblich unterscheidet. Weiße Spitzentücher, Spitzenröcke, gebügelt und gestärkt, Häubchen wie aus der Wäschekammer einer kolonialen Sklavenhalterfamilie.

Ein Traum in weiß, den sich die Tänzerinnen vergangener Zeiten zu erfüllen schienen bei ihren geheimen Treffen, denn der Candomblé war bis zur Sklavenbefreiung 1888 verboten und wurde wie der Capoeira, eine Kampf-Tanz-Sport-Art, verfolgt und Zusammenkünfte mit drastischen Sanktionen geahndet.

Die Balangandas

Den Bund der Balangandas können heute die Touristen in den schicken Juwelierläden der Altstadt von Salvador kaufen. Dieser Stadtteil, der vor kurzem zum Weltkulturerbe erklärt worden ist, beherbergte die Nachkommen der schwarzen Sklaven. Sie lebten in den herunter gekommenen Kolonialhäusern ihrer einstigen Herren, bis sie den schicken neuen Läden und Galerien des Tourismus, der dem Weltkulturerbe folgt, weichen mussten. Der Bund der Balangandas, ein Silber- oder Goldschmuck, der am Rock getragen wurde, hält das Erbe der Orixá zusammen.

Jede Frucht, selbst der Ring und die Kette stehen als Symbol für eine Orixá. Die schwarze Sklavin, so wird erzählt, die Balanganda, bekam für außergewöhnliche Dienste, worin die bestanden haben, möchte ihr hier nicht ausführen, von ihrem Besitzer jedes Mal ein neues Schmuckstück hinzu und, wie man sagt, wenn der Ring voll war und alle Orixá zusammengekommen waren, dann musste sie der Sklavenbesitzer frei geben. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Geschichte, die mir die aus Düsseldorf gebürtige Juwelierin erzählt, stimmt.

All zu sehr erinnert sie mich an einen Groschenroman. Das erste was die Leiterinnen der Terreiros machten, als sie 1888 befreit und offiziell ihre Menschenrechte zurück bekommen hatten, war, sie kauften sich ein Schiffsticket nach Afrika um die Wurzeln ihres Kultes im Land ihrer Ahninnen zu studieren. Dort mussten sie feststellen, dass es im Laufe der Jahrhunderte in Brasilien einige Veränderungen im Kult gegeben hatte und ein eigener Zweig der Orixátänze entstanden war, der afro-brasilianische Candomblé.

Der Zauber der Orixá

Nun hätten wir die Frage nach der Tracht der Tänzerinnen auf dem Video geklärt, doch sind wir der Frage warum die Orixá so eine starke Wirkung auf uns Tänzerinnen der HKiT® haben, ein Stück näher gekommen? Was haben diese Orixá aus afrikanischen Kulturen und brasilianischen Weiterentwicklungen mit uns Tänzerinnen hier und heute zu tun? Wie kommt es, dass sich Frauen von Jemanja, der Königin der Meere, von Nana, die den Weltenbrei umrührt, von Yansa, der Kämpferin, so stark angezogen fühlen, ja durch ihren Tanz Kraft und Stärkung erfahren können? Ich kann beim Tanzen der Orixá in meinen Gruppen immer wieder feststellen, dass Frauen sich befreit fühlen, dass sie die Welt mit neuen Augen sehen nach dem Tanz mit Oxumaré, der Schlange oder mit Xango, dem Wütenden ... .

Ein ganz anderes Frauenbild zeigt sich da im Tanz und es ist tatsächlich möglich, hinein zu schlüpfen in den Tanz von Oxossi und endlich den Zappelphilipp zu leben, den eine schon immer in sich gefühlt hat oder mit Oxum diese kleinen eleganten Bewegungen der Hüfte, des Handgelenks zu machen und dabei die Grenzen dieser Welt einzureißen. Geprägt von dem christlichen Frauenbild unserer Kultur zwischen Maria und Magdalena, zwischen Heiliger und Hure tut sich über die Orixá für uns ein gigantischer neuer Frauenraum auf und da die Orixá sehr menschliche Eigenschaften haben, fällt es leicht, sich mit ihnen zu idendifizieren und sie zur passenden Zeit und passenden Gelegenheit aus der Tasche zu ziehen und damit den Alltag neu und anders zu gestalten.

Für viele Tänzerinnen, mit denen ich arbeite, tut sich ein ganz neues Leben über die Orixá auf. Sie stehen mit Nana am Herd und rühren den Maisbrei um. Sie machen sich aus dem Staub mit Yansa, wann immer sie wollen und sie werden nicht mehr überflutet von den Wogen der Gefühle, sondern stehen mit Jemanja im Meer und glätten die Fluten wie Königinnen oder sie lassen das Meer mal so richtig aufbrausen, gerade wie es ihnen gefällt. Sie finden oft zum ersten Mal in ihrem Leben mit Omulu einen Ausdruck für ihr Leiden und klagen indem sie ihre Wunden zeigen. Aber, was passiert da eigentlich im Tanz?

Zu Gast im Terreiro Casa Bianca

Ich sitze auf einer der Zuschauerbänke in Casa Bianca, einem bedeutenden Terreiro in Salvador da Bahia. Der Tanzraum ist weiß geschmückt. Tauben aus Styropor hängen zusammen mit weißen Papiergirlanden von der Decke. Die in weiß herausgeputzten Tänzerinnen begrüßen sich, küssen sich, berühren sich, lange und liebevoll. Ein Gefühl der Zugehörigkeit. Des Angenommen Seins. Sie liegen vor der Mae des Terreiro und den Honoratioren des Tanzes auf dem Boden. Ihre Verehrung, ihre Wertschätzung des Kults drückt sich darin aus. In der Mitte des Raumes stehen überdimensionale Thronsessel aus tropischem Holz, geschnitzt für die Orixá.

Am Ausgang brennt eine Kerze für Exú. Die Sänger und Trommler versetzten den weiß geschmückten Raum mit ihren rhythmischen Anrufungen der Orixá in Schwingung. Reis wird für die Gäste als heilige Mahlzeit mit den Händen in runde Kugeln geformt und angeboten. Die jungen, gläubigen Frauen vor mir ducken sich auf den Boden, wenn sich eine der Tänzerinnen im Tanz zu einem Orixá verwandelte. Das geringste Stocken oder Taumeln der im Kreis hintereinanderher Tanzenden wird mit höchster Aufmerksamkeit der jungen Helferinnen am Rande des Tanzkreises beantwortet. Jede Geste der Tänzerinnen wird aufgegriffen, jede Bewegung beobachtet.

Ein Taumeln und sofort ist eine Helferin zur Stelle oder zwei. Sie ordnen das Tanzkleid der Tänzerin neu, stellen sich hinter die in Trancegefallene und begleiten sie im Tanz, stützen sie immer wieder liebevoll ab, so dass sie nicht fällt, bis sie sie in einen Nebenraum zum Ausruhen bringen.

Der Tanz von Xango

Die meisten Tänzerinnen haben bereits graue Haare zwischen den schwarzen Kringellöckchen, nur eine scheint mir etwas jünger als ich. Ihr Gesicht ist sehr konzentriert. Ihr Oberkörper wankt vor und zurück während ihr Körper tanzt und tanzt. Ihr Gesichtsausdruck intensiviert sich noch mehr. Woher kenne ich diesen Gesichtsausdruck? Wut? Das Gesicht ist nicht Wut verzerrt, wie ich das sonst bei diesem Gefühl kenne.

Im Gegenteil, ich sehe in ein sehr gelassenes Xangogesicht direkt vor mir. Sehr entschlossen, sehr klar und über alle Zweifel erhaben - Xango. Der Ausdruck von Macht. Kleine überaus leichte Bewegungen der Arme. Kein Wutausbruch im üblichen Sinn, dafür eine unglaubliche Energie und Gelassenheit, die mir den Atem stocken lässt. Mein Gehirn rattert. Wie kann sie Xango tanzen? Sie, eine Frau in diesen weißen Spitzenröcken mit all den Rüschen und Tüchern. Aber sie ist Xango, kein Zweifel. Und nun fällt es mir zum ersten Mal auf. Die Frauen tanzen nicht nur die weiblichen, sondern auch die männlichen Orixá. Das war in Afrika anders, da gab es Exú Priester.

Hier in Brasilien tanzen nur Frauen, soweit ich sehe. Die Männer im Gesang, an den Trommeln, als Honoratioren des Tanzes. Aber die Frauen tanzen und wie selbstverständlich stehen ihnen alle Orixá, die männlichen und die weiblichen zur Verfügung. Gibt es da Unterschiede im Umgang mit den Geschlechterrollen in matrilinearen Kulten? Weniger Ausgrenzung? Leichteres Wechseln? In meinen Tanzgruppen in Deutschland hatte ich immer wieder bemerkt, wie wichtig die weiblichen Orixá den Tänzerinnen waren und wie stark die männlichen Orixá oft abgelehnt wurden. Vielleicht eine Folge der Männergesellschaft, in der wir groß geworden sind und leben? Der Mangel an weiblichen Vorbildern? Hier in Brasilien lerne ich etwas Neues.

Es ist überraschend, wie selbstverständlich in einem matriarchalen Kult der Umgang mit männlichen Energien für Frauen ist. Ich fühle nicht die Spaltung, die ich aus meiner Kultur kenne. Es ist kein Mannweib, das da vor mir tanzt. Sondern einfach Xango. Im Gesicht Xangos kann ich 500 Jahre weit zurück blicken und spüre, was es für eine Frau, die in der Wäschekammer einer weißen adligen portugiesischen Familie als Haussklavin ihr ganzes Leben lang Wäsche gestärkt, gebügelt und zusammengelegt hat, bedeuten muss, sich unter Lebensgefahr heimlich in ihr Terreiro davon zu schleichen. Dort ist sie nicht mehr die Sklavin, dem Herren ein gefälliges Spielzeug, hier ist sie der machtvolle Xango.

Diese Macht. Diese Würde. Diese Kraft. Xango hilft ihr zu Überleben. Diese wenigen Augenblicke in denen sie jemand ist, etwas bedeutet, wichtig ist, gesehen wird, ihren Gefühlen freien Lauf lassen kann, sich leben kann.

Unterdrückung

Der Schlüssel dieser Szene fällt mir wie Schuppen von den Augen und direkt vor die Füße. Es geht um Unterdrückung. Die Tarotkarte mit den Schwerten und der Frau, die mit verbundenen Augen und gefesselten Händen da steht, kommt mir in den Sinn. Wie viele der Tänzerinnen in meiner Arbeit haben dieses Gefühl der Unfreiheit, der Ohnmacht, der Wertlosigkeit, der Entwürdigung, der Missachtung, der Verletzung erlebt.

Wie viele schon in frühester Kindheit. Schicksale lassen sich nicht vergleichen, schon gar nicht das einer Mitteleuropäerin mit dem einer brasilianischen Sklavin und doch scheint mir in dem Moment der Schlüssel in dem Wort Unterdrückung zu liegen. Da geht es um ein Wissen vom Überleben als Frau in patriarchalen Strukturen oder vielleicht noch etwas genauer ausgedrückt, da geht es um einen Bewegungscode, der für Frauen lebensnotwendig zu sein scheint und der sich im Tanz transportiert aus dem kollektiven Wissen frauenfreundlicher Kulte. Ich hatte diese Erfahrung schon einmal im Bauchtanz gemacht und nun hier noch einmal. Frausein wie geht das? Was ist das? Die Antworten kommen von anderen Frauen.

Die Antworten kommen über Bewegungen des Beckens, der Brüste, der Arme, des Kopfes, der Füße und Beine. Bewegungsmuster, die Frauen helfen, ihren Körper zu formen und auszubilden. Bewegungen wie aus einer anderen Welt, in der Frausein unendlich wertvoll, wichtig und bedeutend ist. Diese Bewegungen helfen uns Frauen heute, wo Frausein oft nichts Wert ist, von der Unterbezahlung von Frauenarbeit in unserer Gesellschaft über die sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen bis zur Abtreibung weiblicher Föten in China. Vor meinen Augen die Bewegungen von Xango. Leicht und geschmeidig tanzt sich die Wut mit kurzen Bewegungen der Arme aus den Ellbogen heraus. Der weite weiße geraffte Spitzenrock schwingt im Rhythmus des Körpers der Tanzenden. Die Trommeln. Der Gesang. Der Rhythmus.

Eine niedergekauerte Gläubige hat sich Xango genähert. Xango bemerkt sie, hebt sie auf und nimmt sie in die Arme. Lange schmiegen sich die Körper aneinander. Es scheint Zeit zu brauchen, bis sich die Kraft überträgt. Dann ein kurzes sich Lösen und Xango tanzt weiter. Leicht nach vorne gebeugt folgen die Hände dem Rhythmus der Füße. Eine leichte Drehung nach links und rechts. Der weit ausgestellte Baumwollrock lässt die Beckenbewegungen erahnen. Kraft, Lebensenergie die sich tanzt in voller Selbstverständlichkeit und Würde.

Transfer

Die Brasilianerinnen heute sind keine Sklavinnen mehr und doch sind die Terreiros für sie immer noch anziehend. Hier finden sie ein anderes Frauenbild, als das von den Portugiesen vorgegebene. Es gibt wieder zunehmend mehr junge Filia de Santo, Töchter der Heiligen. Ich entspanne mich langsam. Merke, wie dringend ich Luft brauche, gehe an der Kerze für Exú vorbei und stehe draußen unter dem für das Fest von Oxalá geschmückten Vordach und lasse das eben Erlebte Revue passieren.

Es ist dunkel geworden. Die Luft ist feucht und kühl. Ich gehe vorbei an den kleinen weiß getünchten Häusern, in denen Oxum und die anderen Orixá wohnen. Für jede Orixá ein Haus. Beleuchtete Fenster, durch die ich die vielen Gegenstände sehen kann, die Gläubige den Orixá mitgebracht haben. Die Treppe hinunter ein Altar für Oxumaré im Freien. Eine dicke regenbogenfarbige Schlange aus Beton unter einer großen grünen Palme, die mit einem Scheinwerfer von unten angestrahlt wird. Ihr grünes Blätterdach wirkt in der Nacht gigantisch wie ein ganzer Regenwald. Weiter die Treppen hinunter der große mit einer Mauer eingefriedete Platz von Jemanja, der Meeresgöttin, die als überlebensgroße Statuette mit Fischschwanz mitten drin steht.

Hier am Ausgang wartet unser großer, muskulöser, schwarzer Busfahrer auf uns. Freundlich wie immer. Ich drehe mich um und blicke noch einmal den Hang hinauf. Das beleuchtete Terreiro, ein grüner Fleck mitten in der Großstadt. Ein Wunder, dass die dicke alte Palme noch steht denke ich noch und sehe plötzlich die dicken alten Eichen in Inzmühlen. „Deshalb," murmle ich laut vor mich hin, während es über das unebene Kopfsteinplaster holperig in dem Mercedesbus zurück zum Hotel geht.

Die Bäume in Inzmühlen waren schon immer etwas ganz besonderes für mich und für viele Tänzerinnen. Nun wusste ich, warum sie da waren und auch warum ich unbedingt den Bambus vors Tanzhaus setzen wollte, obwohl er nicht in die Heidelandschaft passt. „Im Bambus wohnen die Orixá," sagt Angela Lüning, die Leiterin der Pierre Verger Stiftung in Salvador da Bahia und ein kleiner Affe springt gerade in dem Moment durch den dichten baumhohen Bambus vor Pierre Vergers Haus, das heute ein Museum ist.

Der Fotograf und Anthropologe hat sich einen Namen gemacht in der Erforschung des Candomblé und seiner afrikanischen Wurzeln. Um den Hals trägt Angela Lüning Pfeil und Bogen und auf Nachfrage bestätigt sich meine Vermutung: Ein Oxossi Amulett. Später im Museum finde ich völlig identisch Pfeil und Bogen als Ausstellungsstück wieder. Orixá auf Schritt und Tritt und in Inzmühlen? Wir sind keine Brasilianerinnen, wir sind keine Afrikanerinnen und bei uns springen keine Affen aus dem Bambus. Doch so wie sich der Tanz der Orixá auf seinem Weg von Afrika nach Brasilien verändert hat, hat er sich auf seinem Weg von Brasilien nach Inzmühlen gewandelt und wie ich glaube nicht gerade unerheblich.

Die traditionellen Schritte und Gesänge, die Anrufungen, sie sind uns abhanden gekommen. In Brasilien dachte ich bei der Aufführung einer Orixá Show-Tanz-Gruppe für Touristen: Das hat wenig mit dem zu tun, was wir tanzen und auch beim Betrachten des Video zu Beginn meines Vortrags wurde deutlich, da hat sich etwas verändert wenn ich dem Tanzgeschehen in Inzmühlen folge. Unsere Bewegungsmuster sind von anderen Erfahrungen geprägt und waren anderen Lebenseinflüssen ausgeliefert. Doch der Geist der Orixá wirkt auch bei uns, wenn es um Unfreiheit und Unterdrückung geht. Die Orixá helfen, wo es darum geht aus Unfreiheit auszubrechen und ein Leben in Würde und Verbundenheit zu leben.

Eine Heimat im Körper finden

Das ist mein tiefster und wichtigster Eindruck von den Orixátänzen im Terreiro Casa Bianca. Die Verbundenheit der Frauen untereinander, die Zuneigung und die Liebe, die sie sich schenken. Ein Stück Heimat im gemeinsamen Tanz, im gemeinsamen Kochen für die Orixá im gemeinsamen Essen, Singen, Lachen und Beisammen sein. Ich kenne solche Augenblicke gut aus unserer Arbeit. Heimatgefühle kommen auf.

Ich weiß, dass die Tanzheimat Inzmühlen für viele zum ersten Mal im Leben einen Platz bietet, an dem sie ihre Unterdrückung hinter sich lassen und endlich frei durchatmen können. Ich erinnere Augenblicke unter uns Tänzerinnen, wo ich denke, so muss es im Paradies sein und ich wünsche mir noch viel viel mehr davon. Bäume haben wir ja genug in der Tanzheimat. Ich hoffe, ich konnte euch meine Eingangs aufgestellten

These: Es gibt einen Geheimcode an Bewegungswissen aus matriarchalen Traditionen, der uns Frauen im Patriarchat stärkt, wenn wir Bauchtanzen oder die Orixa tanzen, nahe bringen. Es wäre interessant, diesen Erfahrungen aus der tänzerischen Praxis wissenschaftliche Untersuchungen folgen zu lassen, doch das ist dann wieder eine andere Geschichte.

Für heute zum XX-jährigen Bestehen der HKiT® wünsche ich uns allen viel Vergnügen bei unseren Tänzen mit den Orixá auf unserem Tanzplatz unter den alten Eichen und achtet auf den Bambus vor den Türen. Maria wird Exú etwas Schnaps und Tabak an die Schwelle unseres Tanzhauses schütten und eine Kerze für ihn anzuzünden, damit er uns nicht den schönen Festtag durcheinander wirft. Viel Vergnügen mit den Orixá in Inzmühlen.
 
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