logo_gabriele_fischer.gif
Home  arrow Veröffentlichungen  arrow Die andere Wirklichkeit in der Kunst
Die andere Wirklichkeit in der Kunst PDF Drucken E-Mail
Vortrag von G.F. gehalten am 1. April 06, Inzmühlen anlässlich der gleichnamigen Veranstaltung im Rahmen der Tanzwerkstatt Inzmühlen

  • 17 Uhr Performance „Unter der Haut", choreografiesche Abschlussarbeit von Ulrike Schütze, Tanzausbildung Dancing Dialogue
  • 18 Uhr Ausstellung „Das Unsagbare aufs Papier bringen". Körperbilder von Barbara Martini
  • 19 Uhr Performance „Die Stimme der Landschaft", Stefka Weiland

Was ist Wirklichkeit und was meine ich mit anderer Wirklichkeit? Ein Beispiel aus der bildenden Kunst soll dies verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, sie gehen durch die Räume eines Kunstmuseums in Berlin, Düsseldorf oder Zürich und da begegnet ihnen ein Kunstwerk, das aus einem Stück Rasen besteht und einem Telefon, dessen Anschlusskabel direkt in das längst verdorrte Gras des ausgestochenen Grassodens mündet. Was ist ihr erster Gedanke? Vielleicht - na, das ist ja töricht, so wird das ja nie etwas mit dem Telefonieren - und vielleicht fällt ihnen dann auf, dass der Künstler ein Fenster öffnen will und sie denken weiter über Kommunikation, Mutter Erde, Umweltbelastung und soziale Verantwortung nach oder oder ... oder aber Sie denken - was soll denn das - und bevor sie an dieser Denkaufgabe verzweifeln finden sie doch lieber den Künstler etwas unzugänglich was seine Kunst betrifft, und Sie wenden sich kopfschüttelnd einer anderen Kunstabteilung zu.

Nun ist dieser Künstler im Falles des Grassodens und des Telefons kein anderer als Joseph Beuys, der bekannteste moderne deutsche Künstler und im Hinblick auf das Sehen der große Prophet der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Überzeugt davon, dass jeder zum Künstler werden kann, nahm Beuys die Dinge und arrangierte sie so, dass sie den Betrachter auffordern, mit ihnen zusammenzuarbeiten; nicht an einem Gemälde, sondern indem die Betrachter darauf lauschen, was ihre Augen ihnen erzählen und sie dies im Gedächtnis behalten.

Im Gegensatz zu einem Maler oder Bildhauer geht es uns im Tanz nicht darum, etwas Bewegtes anzuhalten um es deutlicher sichtbar zu machen, denken wir wieder an Grassoden und Telefon, vielmehr treten wir als Tänzerin mitten hinein in diesen Dialog mit der Wirklichkeit. Durch unseren Körper, durch unsere Bewegungen können sich neue Räume auftun und wir fordern mit unserem Tanz unser Publikum zur Zusammenarbeit auf, so dass sich der Blick auf die eine Wirklichkeit ändern kann und neue Wirklichkeiten oder andere Wirklichkeiten zum Vorschein kommen können. Das nennen wir tanzender Dialog oder Dancing Dialog.

Der Impuls zu tanzen entspringt der Begegnung der beiden Pole Innen und Außen. Wirkt ein Tanz technisch, hölzern, steif ... so liegt das daran, dass die Tänzerin nicht den Mut hat nahe genug heranzutreten um das Wechselspiel zwischen Innen und Außen auszulösen. Denn Nahe kommen kann bedeuten, dass man ertrinkt, wie das Elfriede Jelinek beim Schreiben beobachtet:„Man kann nur etwas beschreiben, wenn man sich in einem gewissen Mindestabstand davon aufhält. Ist man ganz drinnen, sieht man nur das Nächstliegende, und alles verzerrt sich dadurch schrecklich, weil man glaubt das Nächstliegende ist das wichtigste, obwohl es nur zufällig so nah ist. Sieh dich also vor, damit du dich das nächste Mal nicht wieder einer Landschaft zu sehr näherst oder dich in sie begibst. Der Sog zieht dich sonst hinein und du kannst sogar ertrinken. Also:Abstand!" Dieses Abstandhalten fällt in keiner Kunst so schwer wie im Tanzen. Der Tanz ist nicht mittelbar, wie eine Leinwand oder ein Grassoden. Der Tanz ist unmittelbar und aufs Engst mit unserem Körper verbunden. Und so arbeiten wir in der Tanzausbildung Dancing Dialogue an diesem Abstandhalten um zu lernen wie es geht, Innen- und Außenraum als Gegenpole im Tanz bestehen zu lassen. Denn nur so ist es möglich unser Publikum zu jenem Zusammenspiel einzuladen von dem ich im Zusammenhang mit dem Grassoden und dem Telefon eben sprach.

Jeder autentische Tanz ist ein Zeichen dieses Zusammenspiels von Innen und Außen. Der Umgang mit dem Thema Raum ist dabei von großem Interesse und das was wir über Raum wußten erweiterte sich im Laufe unserer tänzerischen Arbeit beachtlich. Edurado Chillida drückt diese Problematik als Bildhauer wie folgt aus: „In den meisten meiner Werke findet sich ein gemeinsames Problem: das des inneren Raumes als Folge und als Ursprung des äußeren Raumes. Um den inneren Raum zu umschreiben, ist es notwendig, ihn zu umhüllen und so wird er für den Betrachter, der draußen steht, auch umfaßbar (erfaßbar)."

Die Begegnung im Tanz mit anderen Wirklichkeiten schließt in einem sehr konkreten Sinne Nähe und Auseinandersetzung mit ein. Das Thema eines Tanzes wird über den physischen Körper sichtbar und zeigt die Grenze in der Begegnung. Dabei kann sich ein Spalt öffnen durch den wir hindurch treten können, in neue und uns bisher unbekannte Räume der Wirklichkeit. Dancing Dialogue will also keine ausgedachte Geschichte erzählen sondern wir wollen mit unserem Tanz das Publikum dazu einladen sich selbst in den kreativen Schaffensprozess hinein zu stellen und aus dem getanzten Dialog das eigene Kunstwerk zu kreieren und damit eigene Zugäng zu anderen Wirklichkeiten zu entdecken.

Dabei tanzen wir gerade darum, unsere Beziehung zu etwas Existierendem festzuhalten Wir tanzen um uns der Beweglichkeit unseres Körpers zu vergewissern und durch dieses Wechselspiel von dieser Wirklichkeit und anderen Wirklichkeiten kann tanzend eine magische Verbindung zwischen Zeit, Raum und Körper, zwischen Innen und Außen entstehen.

Jeder getanzte Tanz verkündet: Mich bewegt dies und gleichzeitig auch mich hat dies bewegt oder mich wird dies bewegen. Tanzen vollzieht sich nicht nur in der Beziehung von Körper und Raum sondern wir treten tanzend auch in ein Zusammenspiel mit verschiedenen Zeiträumen ein. Mich bewegt dies bezieht sich auf die gemachte Bewegung. Nichtdarstellender Tanz bildet dabei keine Ausnahme. Ein Tanz kann ein Leuchten oder ein farbiges Glühen zeigen, das aus der Erfahrung der Tänzerin mit dem Sichtbaren oder Spürbaren herrührt. Wenn sie tanzt, bewertet sie den Raum im Hinblick auf etwas anderes, das sie sieht oder spürt oder gesehen oder gespürt hat.

Ein Tanz ist zunächst eine Affirmation des Spürbaren das uns umgibt, uns ständig begegnet und wieder verschwindet. Ohne dieses Verschwinden gäbe es vielleicht gar keinen Impuls zu tanzen, denn dann würde das Spürbare selbst die Gewißheit besitzen, die der Tanz sich zu finden bemüht. Unmittelbarer als jedes andere Kunstwerk ist ein Tanz eine Affirmation der physischen Wirklichkeit in die die Menschheit geworfen ist.

Die ersten Tänze waren Tiertänze und die erste Malerei stellte Tiere dar. Und gleich von Anfang an - und später genauso bei den Sumerern, Assyrern, Ägyptern und der frühen griechischen Kunst - war die Darstellung dieser Tiere außergewöhnlich genau. Es mußten Jahrtausende verstreichen, bis man den Körper des Menschen ebenso "lebensecht" darstellen konnte. Am Anfang war das Existierende das, was dem Menschen gegenübertrat und so können wir uns auch den Prozess im Tanz vorstellen, es hat lange gedauert, bis der Mensch sich in den Mittelpunkt des Tanzens gestellt hat und der Ausdruckstanz von Mary Wigmann entstehen konnte.

Der Tanz ist dazu da, uns vor dem Erstarren zu retten. Im Gegensatz zum Malen ist Tanzen keine stille Kunst die alles Bewegte anhält, denken wir an den Grassoden und das Telefon, vielmehr macht der Tanz die Wirklichkeit sichtbar indem er sie bewegt und doch ist der Tanz dem Auge des Betrachters in ganz ähnlicher Weise ausgeliefert wie ein Bild oder eine Skulptur. Die sich verändernde Form des Körpers, die Farbe der Haut, der Haare, des Kostüms und deren Wahrnehmung ist abhängig von der Beschaffenheit unserer Augen. Eine Wahrnehmung die keine gegebene sondern eine gewordene ist. Der Künstler, die Tänzerin ist keine Schöpferin, das ist die Illusion der Moderne und auch die Postmoderne konnte daran nichts ändern. Was wie eine Schöpfung wirkt, ist ein Prozess in dem das von der Tänzerin Empfangene eine Form findet.

Dabei gilt es dem Bewegungsimpuls zu folgen den die Begegnung von Innen und Außen auslöst. Der Tanz ist das, was die Begegnung zurückgelassen hat an Bewegung. Unsichtbar zurückgelassen taucht die Begegnung von Innen und Außen im Tanz wieder auf - sie erscheint. Tanzen ist das Ergebnis der Empfänglichkeit des Körpers. Der Körper öffnet sich dem Atem, der Atem öffnet sich der Bewegung, die Bewegung öffnet sich der Hand, die Hand öffnet sich dem Herzen. Alles entsteht im Empfangen. Wenn der Tanz nicht bloße Kopie ist sondern das Ergebnis dieses Dialogs, dann spricht das Getanzte, wenn wir zuhören und erzählt uns von anderen Wirklichkeiten und lädt uns zum Zusammenspiel ein.

Dieser Text entstand aus meinem Dialog mit dem Essay von John Berger, Schritte zu einer kleinen Theorie der Sichtbarkeit in Gegen die Abwertung der Welt, Hanser 2003. G.F.
 
< zurück   weiter >