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HEILKÜNSTE - Vortrag PDF Drucken E-Mail
Eröffnungsrede zum Walpurgistanzfestival 1999, Inzmühlen, gehalten von Gabriele Fischer

Ich wähle als erstes Beispiel für HEILKÜNSTE die Portraits der Malerin Eleonore Frey-Hanken. Finde in einer Ausstellung von ihr eine Werbebroschüre des Pharma- konzerns Ciba-Geigy: Depressive Kunst. Eine Auswahl von Bildern der Malerin Eleonore Frey-Hanken, die als besonders depressiv einzuschätzen sind und zur Einnahme eines Antidepressiva der Firma Ciba-Geigy auffordern. Kunst im Dienste der Pharmawerbung: Heilkunst?
Eleonore Frey-Hanken malte Bilder, die ihre Krankheit ausdrückten. Sie malte Bilder, die ich als ihre Heilungsbilder bezeichne. Bilder, in denen sie das erlebte, was sie immer weniger in dieser Realität erleben konnte: Ganzsein, Heilesein. Besonders an ihren Portraits wird dies sichtbar. Hintergrund und Körper verbinden sich zu einem Ganzen, stellen eine Einheit dar. HeileWelt, in der der Mensch har-monisch aufgeht. Ja, auch auflösende Momente wo Raum und Gestalt ineinander übergehen. Doch die Wahrnehmung ihrer Mitmenschen in den Portraits ist keineswegs geprägt von Depression. Sie drückt Kontaktfreude, Interesse, Verbundenheit, Witz und Charme aus. Heilungsbilder!
Spiegel des Selbst der Malerin: Mit-Menschen! Wieviel haben ihr diese Bilder geholfen, ihr Leben, ihr viel zu kurzes Leben, dem sie selbst ein Ende setzte, zu leben?
Bilder entstanden aus einer besonderen Sicht der Welt durch die Not der Krankheit, durch die Notwendigkeit der Suche nach Heilung - Heilungsbilder. Kunst, die die Frau heilt, die sie macht, jedenfalls eine Zeit lang und wenn auch nur für die relativ kurze Zeitspanne des Wachsens eines Bildes. Heil - Kunst.

 

Als zweites Beispiel für Heilkunst Giovanni Segantini. Ein schweizer Maler des letzten Jahrhunderts. Von Josef Beuys geachtet - verehrt. Berge, Bergwelten und Mütter. In die Horizontale geschichtete Bilder, gedrückte Bilder. Menschen, Kirchtürme, die auf die Verbindung des ewigen Horizonts mit dem Oben hinweisen. Erhebende Farben, erleuchtende Farbigkeit, ungeahntes Blau. Bedrückende Bilder - erhebende Bilder. Heilungsbilder, gemalt von einem Maler, dessen Mutter bei seiner Geburt erkrankte, die als er 7 Jahre alt war, starb! Waisenheim, Schusterlehre, bis seine besondere Begabung erkannt und gefördert wurde. Früher Tod durch Bauchfellentzündung. Seine Bilder, in denen er sich mit dem Thema Mutter auseinandersetzt, werden wegweisend für den Jugendstil. Frauen in Bäumen, Kinder die den vollen Brüsten die Milch rauben. Frauenkörper, die sich in die Natur hinein auflösen:

  • Die Frau im Baum
  • Die Strafe der Wollüstigen
  • Die bösen Mütter

Wo liegt die Verbindung seines Werks? Bedrückende Bergwelt, erhebende Bergwelt und böse Mutter? Es gab Zeiten, da wurden seine Bilder als Heimatbilder abgetan - HeileWeltBilder.
Woher kommt der Drang, die HeileWelt, die heilende Welt, die Heilungswelt aus der Kunst zu verbannen? Woher die Spaltung von Kunst und Therapie? Die Nicht-Anerkennung von Bildern aus der Therapie als Kunst, wenn doch gerade große Maler durch das Malen in der Depression sich in HeileWelten bewegen. Kunst als Versuch, das Leben zu bewältigen, Kunst als lebensnotwendiger Bestandteil eines Lebenswegs. HeilungsKunst.
Ein Blickwinkel auf Malerei, auf Tanz ... dem ich Raum geben möchte mit diesem ersten Tanzfestival in der Tanz - Heimat Inzmühlen. HEILKÜNSTE: Bilder, Tänze die Mut machen, sich aus Sackgassen des Lebens herauszubewegen. Kunst, die frei macht von erdrückender Weltsicht, indem sich die KünstlerInnen hineinbegeben, ausliefern dem, was da drückt, trauert, klagt. Benennen - bemalen - betanzen - bewegen was am Leben hindert.
Die negative Energie hingeben, abgeben an den schöpferischen Grund, an die tobende Urflut, ins brodelnde Feuer des Vulkans. Die negative Energie wieder zudem werden lassen, aus dem sie gemacht ist - schiere Energie, Kraft, Ausdruck des Lebendigen. Energie nicht positiv, nicht negativ, nicht bewertet: Aufheben der Dualismen. Freiwerden in der schöpferischen Kraft künstlerischen Tuns. Oder wie Friedrich Hölderlin sagt: Dort wo die stumme Natur werdende Tage sind.

 

HEILKÜNSTE lehren ja sagen zum eigenen Lebensweg. Heile werden im freien Tanz mit den Kräften in und um uns. Immer wieder anders, immer wieder einmalig, immer wieder neu. Leuchtende Farbigkeit, dichterischer Überschwang, ausgelassene Tänze, bacchantische Festzüge ... Zeugen dieser nie versiegenden Quelle - Lebenskraft.
Möge dieses erste Tanzfestival einen Anstoß dazu geben, dass HEILKÜNSTE nicht mehr länger ein Aschenputteldasein im therapeutischen Raum fristen. HEILKÜNSTE müssen hinausgetragen werden auf die Bühne, ins Leben, überall dorthin, wo Menschen nach Möglichkeiten suchen, ihr Leben angenehmer, besser, wohler für sich zu gestalten, wo Menschen suchen, ein Stück heiler oder heiliger zu werden.
 
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