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Allgemeines zu Choreografien

Choreografisches Arbeiten mit Dancing Dialogue

Wie funktioniert eine Choreografie, bei der es um einen getanzten Dialog geht und nicht um festgelegte Schritte nach einer Musik? Wie entsteht eine Choreografie, die die Offenheit für die Begegnung im Moment bewahrt und die bewegende Kraft des Tanzes auf die Bühne bringt? Es hat natürlich viel mit dem tänzerischen Handwerkszeug der Tanzform HKiT und Dancing Dialogue zu tun, jedoch natürlich auch mit dem choreografischen Ansatz der Choreografin G.F. Weil all diese Fragen gar nicht so leicht eine einfache Antwort zu finden ist, hier als exemplarische Antwort die Rede von Elke Wagner zur Performance „Die roten Schuhe“, die im Dialog mit der Kunststätte Bossard, Jesteburg, choreografiert wurde.

Die roten Schuhe
Dieser Titel eines Märchens und des Buches von Gabriele Fischer steht über dem Tanzprojekt, zu dem ich Sie heute hier im Klostergarten der Kunststätte Bossard herzlich willkommen heiße.

Die Proben für den tänzerischen Dialog, dem Sie gleich beiwohnen werden, waren umfangreich. Ging es doch darum, mit Raum und Zeit in einen tänzerischen Dialog zu treten. Der herkömmliche Choreografiebegriff taugte nicht für unser Vorhaben, denn wir wollten diesen Dialog lebendig und beweglich lassen und nicht festschreiben und damit reproduzierbar machen. Es ging uns darum, das feine Netz zwischen Raum und Mensch im Tanz sensibel und damit beweglich und offen zu halten für die Geschichte, die Geschichtetheit des Ortes der Performance, der Kunststätte Bossard. Schönheit, Körper, Bewegung und Tanz, die Verbindung von Körper und Natur waren wichtige Themen der Lebensreformbewegung.

Die Idee des Gesamtkunstwerks, die Bossard hier auf einzigartige Weise verwirklicht hat, entstand ebenfalls in der Zeit der Lebensreform im späten 19. und angehenden 20. Jahrhundert. Die Ideen der Lebensreform von Schönheit, Körper und Natur beeinflussten nicht nur die bildenden Künste, sondern auch der Tanz veränderte sich in dieser Zeit vom vorgeformten Ballett zum Ausdruckstanz.

Eine der wichtigsten Vorreiterinnen war Isadora Duncan, die als erste Tänzerin barfuß auftrat und mit ihrem Tanz für eine gerechtere, bessere Gesellschaft kämpfte und im Anschluss ihrer Auftritte meist politische Reden hielt. Vorbild für ihre Tänze war die griechische Antike und die Bewegungen der Natur. Mary Wigman ist die Begründerin des Ausdruckstanzes und mit Rudolf von Laban eine der wichtigsten Tänzerinnen des letzten Jahrhunderts. Sie beschäftigte sich in ihren Tänzen nicht nur mit der Schönheit, sondern gerade auch mit den Brüchen und den Schattenseiten, die Gegensätze des menschlichen Seins. Unsere Tanzperformance steht in der Tradition des Ausdruckstanzes und stellt eine Weiterentwicklung dieser Tanzform da. Wie die Idee des Gesamtkunstwerks ist sie mit der Geschichte der Lebensreformbewegung verbunden und deshalb freuen wir uns, heute an diesem Platz performen zu können.

Gabriele Fischer stellt in ihrer Arbeit die bewegende, verändernde, ordnende und gemeinschaftstiftende Aufgabe, die Tanz traditionell hat, in den Vordergrund. Tanz ist für sie Kunst, die in Zusammenhängen denkt. Kunst, die, wie Joseph Beuys es 1972 fordert, vernetzendes, verantwortliches Handeln ins Zentrum ihrer Visionen rückt. Beuys verlangt Mitdenken, Mitformen im gesellschaftspolitischen Raum und versteht dies als fließenden, wandelbaren und daher auch heilsamen Prozess. Gabriele Fischer sieht im Tanz Lösungswege, Antworten auf die Herausforderungen des Lebens und der Gesellschaft. So wie Jean Christoph Ammann sagt: Kunst ist Denken in der Gegenwart. Ist Nachdenken über Dinge, die uns allen gemeinsam sind: Zeit, Angst, Tod, Sexualität. Dazu noch die Prinzipien von Ordnung und Unordnung. Zufall und Notwendigkeit. Ähnlichem und Verschiedenem. Diese Performance heute ist ein tänzerischer Dialog.

Dialog, da geht es um Kommunikation, zwischen Menschen, zwischen Tänzerinnen, Musik und Publikum und den Räumen und Zeiten, die diesen Dialog mitbestimmen. Die Musik von Stefka Weiland wird für den Augenblick komponiert und ist wie der Tanz schöpferischer Prozess, bis sie verklingt. Dialoge werden geführt, um etwas zu bewegen, dazu laden wir sie heute im Klostergarten der Kunsstätte Bossard ein. Dabei geht es nicht darum ... und hier zitiere ich Klaus Dörner, ... einen der führenden Psychiater des 20. Jahrhunderts, den Anderen zu verstehen, sondern - innerhalb der Begegnung mit dem Anderen - sich selbst zu verstehen und sich für alles Unerwartete offen zu halten, was aus einem selbst dabei auftaucht und einem selbst dabei widerfährt. Diese Aufgabe stellt höchste Anforderungen an jede einzelne Tänzerin der Gruppe. Der tänzerische Dialog jeder Performance steht in einem nicht reproduzierbaren schöpferischen Dialog, so kann die Begegnung mit Raum und Zeit eines Tanzes einen gemeinsamen Raum zwischen Publikum und Tanzenden öffnen.

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Giesecke sagt: Die europäische Neuzeit hat nur monosensuelle Erkenntnis- und monomediale Kommunikationstheorien hervorgebracht und akzeptiert. Sie hat die Augen als Erkenntnis- und die Sprache als Darstellungsmedium prämiert und damit kein Instrument zur Gestaltung und zum Verständnis multimedialer und synästhetischer Ereignisse wie dem Tanz geschaffen. Das meint: Tanz kommuniziert auf vielfältige Weise über den Körper, anders als dies ein Bild oder eine Skulptur zu tun vermag. Wenn der Tanz zu Ende ist, steht in der Mitte des Raumes keine fertige Skulptur, dafür hat er sich in feinen Bewegungsbahnen eingeschrieben in den Körper der Anwesenden und verlässt als Bewegungsinformation mit Tänzerinnen und Publikum den Ort des Geschehens, wird mitgenommen und weitergetragen in Muskeln, Knochen, Sehnen und Haut, ja in jeder Zelle des Körpers der Teilhabenden.

Wie in einem Gespräch entfaltet sich die Bewegung zwischen den Tanzenden, öffnet Räume für die Zuschauenden über das Wort hinaus. Auf die Frage, was denn das eine oder andere Bild bedeuten solle, antwortete Bossard, dass man doch das nehmen solle, was das Bild einem selbst gebe. Dies könnte als eine Anleitung verstanden werden, wie man mit Bossards Kunstwerken und der Kunst überhaupt umgehen sollte und wozu ich Sie alle beim Zuschauen einladen möchte: sich einlassen auf das Gespräch, die Begegnung mit dem Tanz, auf hinhören, hinsehen, hinspüren mit dem ganzen Körper und sich das zu nehmen, was der Tanz Ihnen gibt. Tanz macht sichtbar, was im Verborgenen wirkt, stellt neue Bezüge her. Vielfältige Kommunikationsfelder öffnen sich zwischen dem Tanz, den Zuschauenden, neue Sichtweisen können sich öffnen innerhalb des Gesamtkunstwerks Bossard. Bühne frei für die Tänzerinnen und die Musikerin.