Bewegungstudien DD

Es gibt soviel zu berichten über Bewegungen die mir als Tänzerin auf der Insel begegnen. Bewegungen die mir völlig neu sind, wie das Fischefangen mit einem Einbaum, indem einer von den beiden Fischern aus dem Einbaum in der Lagune springt und mit dem Ruder aufs Wasser schlägt, so dass es nur so spritzt und die Fische in die Netze getrieben werden und der andere in dem Einbaum macht wilde Fahrmanöver dazu oder wie eine Familie Sumachpflaumen isst, die orange sind und Siriguela heißen oder grün und dann Umbú genannt werden.

Die Familie sitzt im Bus neben mir und mit den Zähnen und durch mir völlig ungewohnte Bewegungen von Lippen, Zunge und dem ganzen Gesicht werden die Kerne und die Schalen vom Fruchtfleisch befreit. Kern und Schale landen elegant in einer Abfalltüte, die eigentlich einem anderen Fahrgast gehört und in der Palmenschösslinge transportiert werden.

Der Aufdruck weißt auf Hundefutter hin. Kompost ist Kompost. Später landen die Kerne im Meer, wir sind in der Zwischenzeit umgestiegen in ein geräumiges Holzboot und fahren zurück auf die Insel. Es gibt noch Siriguela und Umbú und sie werden großzügig an die anderen Fahrgäste verteilt, ich staune, alle beherrschen diese Technik vom Kind bis zur Oma. Als die Reihe an mir ist lehne ich höflich ab, ich bin viel zu beschäftigt mit schauen und ich muss es gestehen,  ist esse diese Früchte für mein Leben gern. Ihr säuerlicher Geschmack ist hervorragend, in allen Reifestufen, aber lieber mit Schale.

hier der Siriguela Link

https://www.google.de/search?q=siriguela&rls=ig&biw=1198&bih=602&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=xGLMVK-iJKvesASd2YGQDQ&sqi=2&ved=0CIEBEIke

hier der Umbú Link

https://www.google.de/search?q=umbu&rls=ig&biw=1198&bih=602&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=LGPMVMf4INDLsAT85oCgBg&ved=0CIgBEIke

Da finde ich noch eine Bewegungsstudie aus dem letzten Jahr:

Bewegungsstudien 2014
Ich spüre den Schrubber. Er schrubbt über die Fließen, helle Fließen, dort wo sie zusammengefügt sind macht es einen kleinen Rucker. Ich sehe die Schokoladekuchenkrümmel, kleinere und größere und wie der Schrubber und das darum geschlungene Tuch ihre Arbeit tun.

Nach dem Schrubber sieht der Boden wieder tadellos aus. Manchmal, wenn ein Kinderfuß schon auf einen der Krümel getreten ist, bevor ich ihn unter der schwingenden Hängematte wegwischen konnte bleibt der Krümmelrest kleben und ich drehe den Schrubber um, um den braunen Fleck mit dem Schrubberrücken zu entfernen.

Ich spüre den Stil des Schrubbers und meine Hände, wie sie den Schrubber halten. Ich spüre die Energie, die von meinem Körper aus meinen Beinen kommend in den Schrubber fließt und über den Schrubber zurück in die Erde. Ich spüre den Kreislauf an den ich angeschlossen bin. An den ich mich mit dem Schrubbern anschließe. Mein Blick ist gesenkt. Das Ummichherum nehme ich ganzkörperlich und über die Ohren war. Das ist genug.

Ein Towuwabowu an Kindern, Limonade, Kuchen, Hängematte, Luftballons, die gerade mit Wasser gefüllt auf der Tanzfläche zerplatzen. Sergio, der Maler, hat das Spiel angeleitet. Ich weiß wie rutschig die Tanzfläche, die Zuschauertreppe und die Fließen auf der Terrasse werden können bei Wasser. Ich hole die Schieber und einige Kinder fangen an, mir zu helfen und putzen und schieben. Laura, die Frau des Malers kommt und nimmt ihnen die Schieber, Schrubber und Besen wieder weg.

Die beiden Künstler wollten etwas mit den Kindern der Rua de Toque machen zum Einweihungsfest der Stiftung. Es sind auch wirklich viele Kinder gekommen, die ich allerdings gar nicht kenne. Die Rua de Toque ist lang, geht bis No 505 und noch weiter. Die Kinder die ich kenne kommen erst als der erste Schwung ausgestattet mit Nesquau und Luftballons die Straße hinauf heimwärts zieht.

Jetzt merken meine Nachbarskinder erst, dass da was los ist und stürmen das Haus. Ich kenne sie. Sie sind mir vertraut. Ein Kind, Melissa, war schwer krank und kann jetzt wieder laufen. Ich freue mich sehr darüber. Die Kinder kennen das Haus und es fühlt sich ganz anders an seitdem sie da sind.

Ich schrubbe und denke an nichts als an schrubben. Erst einen Tag später merke ich, dass mich das Schrubben gerettet hat. Die Bewegung nach unten. All diese fremden Menschen an dem Platz an dem ich sonst alleine bin. Ich bin gewohnt Gruppen anzuleiten, zu ordnen, energetisch Klarheiten zu schaffen.

Heute bin ich in einer passiven Rolle und erlebe die zwei Künstler in dieser Funktion. Sie trinken ordentlich Bier und Sergio fängt jetzt an den Clown zu spielen. Sehr lustig, ein kleines Verschwindekunststück. Die Kinder sind fasziniert … dann folgt ein Spiel von fangen und jagen, von Raubtier und Schmusekatze.

Es ist alles nicht geplant und sehr spontan. Auch Laura kennt ihren Sergio so gar nicht. Er sagt nachher zu mir etwas von Siegmund Freud. Ich glaube er meint damit, dass da was aus den Tiefen seines Unbewußten aus ihm hervor brach. Die Kinder haben großen Spaß mit ihm. Ich schaue auf beim Schrubben und hole die Kamera.

Ich schrubbe dieses ganze Tohuwabohu, ordne es dabei: alles auf dem Boden, in den Boden … meine einzige Möglichkeit, auch die Musik zu ertragen, als Sergio dann noch mit den Kids singt und zwar irgendeine Walzermelodie … da bin ich bei den Dancing Dialogues und der letzten Performance angelangt.

Inzmühlen im Dreivierteltakt. Ich tauche voll in dieses Bühnenkörpergefühl ein. Erinnere mich an diesen Auftritt bevor ich losgefahren bin ganzkörperlich. Da ist er in meinem Schrubben, der Putzfrauenwalzer … ich spüre die Kraft die darin liegt zu putzen, sich zu bewegen, etwas zu ordnen in der Bewegung … eine unterschätzte Kraft … .

Ich werde tänzerisch mehr mit Schrubbern arbeiten, beschließe ich. Tanz ist eine Sprache ohne Worte. Wasser, Schrubber, was braucht der Mensch mehr. Ein neuer Tanzplatz ist geboren. Auf diesem Tanzplatz können wir mit Wasser arbeiten, ohhh, wie wunderbar … .

Der pensionierte Kapitän sitzt an einem Tisch mit seiner Frau. Er wartet die ganze Zeit, während ich Kuchen aufschneide und Limonade ausschenke dass das Fest zu Ende ist und ich ihm den Schlüssel gebe bevor ich abreise. Das Schrubbern rettet mich in seinem Rhythmus.

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4 Kommentare
  • DD-Elbe-Tänzerin- fliegender Bär
    Antworten
    Veröffentlicht am13:27, 1. Februar 2015

    ja, dieses Schrubbern hat was sehr befreiendes an sich 🙂

    mein Körpergefühl aus der Walzerperformance 2013 zu Aida Overton-Walker mit dem Schrubbern-Outfit ist sofort wieder da, nur wenn ich das Wort Schrubber lese…
    präsente Erinnerung an das Körpergefühl der Verbindung, Verbundenheit zu etwas in Gemeinschaft bewegt Erlebtem, Getanztem…dieses kreative “Gewusel” von Tänzerinnen und Schrubbern auf der Bühne…unglaublich, welch ein Fülle im Raum schwelt…das es da nicht ernsthaft gekracht hat mit all den Schrubbern in unseren Tänzerinnen-Händen…oh, wie waren wir uns reckend und streckend beschäftigt auch noch die letzen Staubfäden an den Balken und der Decke zu erwischen….
    wir haben bis dahin schon einige Probentage hinter uns, so dass uns mittlerweile der sichtbare Staub ausging:-)
    Aber innerlich gibt es ja immer was zu putzen, oder?
    Dann dieser machtvoller Klangraum mit der Walzermusik…jede Tänzerin folgt ihrer Bewegung…Begegnungen der unterschiedlichsten Art…alles tanzt und alles ordnet sich, um daraus wieder in neuen Schwingung und Bewegungen zu münden…
    so lange bis der letzte Bewegungsimpuls in Körper-Bewusstseins-Raum verglüht…
    es still wird in Körper, Seele und Geist…und zum xten Male atmen… innehalten und bleiben… mit inneren Ohren aufmerksam hinhören , DA sein, genau hier an diesem Ort…
    und irgenwann folgt daraus das gespürte natürliche Ende einer jeden Bewegung im Innenraum, was dann in der Sichtbarkeit im Außenraum fühlbar sichtbar ist.
    Welch eine mich immer noch tief berührende Performance…welch eine Lebens-Fülle
    Ein herzliches Dankeschööööön an meine Dancing Dialgue-Tänzerinnen und G.F.
    Eure RBB

  • Veröffentlicht am9:40, 27. Juli 2015

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